Die Neugeborenen-Intensivstation

Dr. Stefan Schuierer

Im Oktober 1991 wurde die Neugeborenen Intensivstation (PIPE) an der Kreisklinik Altötting eingerichtet. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten kranke Neugeborene und kleine Frühgeborene durch den Neugeborenen Notarztdienst der Kinderklinik St. Marien Landshut den langen Weg nach Landshut transportiert werden, ein Transport, der vor allem für sehr kleine Frühgeborene zahlreiche Risiken mit sich brachte. Die PIPE verfügt über 10 Betten, davon 5 Beatmungsplätze. Zwei weitere Zimmer mit je vier Stellplätzen stehen für die Kinder zur Verfügung, die immer noch intensivpflichtig sind, jedoch schon einen stabilen Allgemeinzustand haben.

Die Neugeborenen-Intensiv-Pflegestation dient allen Früh- und Neugeborenen, die nach der Geburt an einer Erkrankung leiden und einer besonderen und intensiven Pflege bedürfen. Zusätzlich zum eigenen Haus werden das Krankenhaus Mühldorf sowie das Krankenhaus Eggenfelden durch einen pädiatrischen Konsiliar- und Abholdienst versorgt.

Welche Aufgaben hat eine Neugeborenen-Intensivstation?

Der Neugeborenen-Intensivarzt ist zusammen mit der Neugeborenen-Intensivschwester für die Kreißsaalversorgung zuständig und unter anderem bei folgenden Situationen anwesend:

  • Notsituationen des noch Ungeborenen (schlechte Herztöne, mütterliche Infektionen, mütterliche Blutungen)
  • Operative Entbindungen, wie z. B. Kaiserschnitt, Zange, Saugglocke
  • Mehrlingsschwangerschaften
  • Lageanomalien
  • Frühgeborene
  • Wachstumsverzögerten Kindern
  • Kindern, bei denen im Ultraschall während der Schwangerschaft irgendwelche Auffälligkeiten festgestellt wurden, wie z. B. Fehlbildungen

Das gesunde, reife Neugeborene

Das "reife" Neugeborene (d. h. nach 37 vollendeten Schwangerschaftswochen) wird vom Babynotarzt nach Geburt auf einer speziellen Untersuchungseinheit mit Wärmestrahlen und Apparaturen zur raschen Hilfe bei Notfällen (Beatmungsgerät, Absauger, Infusionsgerät etc.) untersucht und nach dem so genannten Apgar-Schema beurteilt.

Für die Merkmale

  • Hautfarbe
  • Atmung
  • Herztätigkeit
  • Muskelspannung
  • Reflexe 

werden jeweils 0, 1 oder 2 Punkte vergeben mit einer maximalen Punktzahl von 10 Punkten. Beurteilt wird nach einer, fünf und zehn Minuten. Gut angepasst hat sich ein Neugeborenes mit einem Punktwert von 7 bis 10. In das gelbe Untersuchungsheft werden die Werte nach 5 und 10 Minuten eingetragen.

Zeigt das reife Neugeborene keine Auffälligkeiten und hat es sich gut angepasst, bleibt es auf der Wöchnerinnenstation bei der Mutter.

Das kranke Neugeborene

Bei Anpassungsstörungen des Kindes wird das Kind in einem so genannten Transportinkubator ein Stockwerk tiefer auf die Neugeborenen-Intensivpflegestation verlegt. Ein Transportinkubator ist ein fahrbarer Brutkasten mit der Möglichkeit, dem Kind Atemhilfe zu geben und Infusionen zu verabreichen. Die häufigste Ursache für eine Anpassungsstörung der Atmung ist noch vorhandenes Fruchtwasser in den Lungen des Kindes, weshalb das Neugeborene eine angestrengte, schnelle, z. T. stöhnende Atmung zeigt mit Flügeln der Nasenlöcher und Einziehungen zwischen den Rippen.

Es kann sich jedoch auch um eine beginnende Entzündung der Lunge handeln, wobei die so genannten B-Streptokokken die häufigsten Erreger sind. Diese Erreger stellen eine erhebliche Bedrohung für das Kind dar. Zur Infektion kann es bereits im Mutterleib oder unter Geburt kommen. Etwa 5 bis 25 % aller Schwangeren weisen eine vaginale Besiedelung mit B-Streptokokken auf; in 50 % werden die Keime auf das Kind übertragen, davon erkranken ca. 0,5 bis 1 % an einer Infektion.

Leider kann man anhand des klinischen Bildes anfangs schwer unterscheiden, ob es sich um eine harmlose Anpassungsstörung oder um eine ernste Lungenentzündung handelt. Deshalb werden diese "stöhnenden" Kinder immer auf die Neugeborenen Intensivstation verlegt und genauestens beobachtet, eventuell wird eine antibiotische Therapie begonnen. Wichtig ist, die Diagnose frühzeitig zu stellen, um die Behandlung rechtzeitig einleiten zu können.

Die Neugeborenen-Intensivstation

Nach Aufnahme in die Neugeborenen Intensivstation wird das Kind in der Regel aus dem Transportinkubator in einen so genannten Brutkasten gelegt.

Abb.: Oberarzt Dr. Stefan Schuierer und Schwester Sabine bei der Versorgung eines Kindes in der neonatologischen Intensiveinheit

Im Brutkasten kann genau die für das Kind ideale Umgebungsbedingung eingestellt werden, d. h. Temperatur, Luftfeuchte und eventuell nötiger Sauerstoff. Anschließend wird die Körpertemperatur gemessen sowie Gewicht, Länge und Kopfumfang.

Zur Untersuchung auf beginnende Infektionen, Unterzuckerung (wichtig vor allem bei sehr kleinen und untergewichtigen Neugeborenen), verstärkte Gelbsucht wird dem Baby mit einer hauchdünnen Plastikkanüle Blut abgenommen und dann eine Infusion angeschlossen. Der beste Ort für diese Venenpunktion ist bei den Neugeborenen das Köpfchen, weil die Bewegungsfreiheit dadurch am wenigsten eingeschränkt ist; außerdem ist die Kopfhaut am wenigsten schmerzempfindlich.

Je nach gesundheitlichem Zustand werden dem Kind mehr oder weniger "Kabel" zur Überwachung von EKG und Atmung angelegt. Am Füßchen wird mittels einer Meßsonde die Sauerstoffversorgung im Blut aufgezeichnet. Hierbei leuchtet ein kleines, rotes Kaltlichtlämpchen, wodurch das Kind nicht beeinträchtigt wird. Manche Kinder, vor allem alle beatmeten Kinder, bekommen zusätzlich, meist auf den Bauch, eine Meßsonde geklebt, die durch die Haut die Sauerstoff und Kohlensäurewerte im Blut überwacht.

Abb.: Beatmetes frühgeborenes Kind in der neonatologischen Intensivstation

Zur Justierung dieser Sonden sind immer wieder winzige Blutproben aus der Fingerbeere der Kinder zu entnehmen (so genannte Blutgasanalyse).

Manche Kinder, vor allem besonders sehr unreife Frühgeborene benötigen zusätzlich Sauerstoff. Sauerstoff kann primär in der Einatemluft des Kindes im Inkubator angereichert werden (Raumluft 21 %) oder, falls dadurch die Sauerstoffwerte im Blut nicht ausreichend sind, müssen Atemhilfen zum Einsatz kommen. Bei der "einfachen Atemhilfe", dem so genannten CPAP, liegt ein dünner Schlauch (Tubus) im Rachen des Kindes, bringt ein Sauerstoff Luft-Gemisch in die Lunge und verhindert ein Wiederzusammenfalten der Lunge beim Ausatmen des Kindes. Hierbei atmet das Kind selbständig.

Bei der Beatmung wird nach Verabreichung von Beruhigungs- und Schmerzmitteln der Tubus in die Luftröhre des Kindes geschoben und angewärmtes und angefeuchtetes Sauerstoff-Luft-Gemisch in die zarte Lunge eingeblasen. In diesem Fall übernimmt eine Maschine ganz oder teilweise die Atemarbeit des Kindes. Kontinuierlich werden dabei die Sauerstoffwerte im Blut überwacht und jeweils nur soviel als nötig verabreicht.

Die Neugeborenen-Gelbsucht

Einige Neugeborene entwickeln eine Gelbsucht, die jedoch nichts mit der infektiösen Leberentzündung zu tun hat. Sie entsteht durch eine Leberunreife des Neugeborenen. Die Kinder werden deshalb häufig zwischen dem 3. und 6. Lebenstag "gelb". Ab einer gewissen Höhe bzw. Ausprägung der Gelbsucht müssen die Kinder unter die so genannte "blaue Lampe" gelegt werden, welche bewirkt, dass der gelbe Blutfarbstoff Bilirubin verstärkt über die Niere ausgeschieden wird.

4.2.Eltern-Kind-Kontakt

Während des Aufenthaltes braucht das Kind intensive Behandlung und Pflege. Genauso wichtig wie diese medizinische Betreuung ist jedoch die Zuwendung der Eltern, das Sprechen mit dem Kind, das Streicheln und die teilweise Versorgung des Kindes durch die Eltern. Anfangs ist es unheimlich schwer und deprimierend, sein Kind in dieser "hochtechnisierten Welt" liegen zu sehen. Man fühlt sich hilflos und machtlos, hat Angst um dieses so kleine, zerbrechliche Wesen. Wir ermuntern die Eltern deshalb, so oft wie möglich beim Kind zu sein und sich mit ihm vertraut zu machen. Es gibt keine festen Besuchszeiten, d. h. der Besuch des Kindes ist jederzeit möglich. Durch das so genannte "Känguruen" können auch kleine Frühgeborene – wenn es ihr Zustand erlaubt – in den Armen ihrer Eltern Wärme und Zuneigung spüren.

Abb.: Känguruen bei einem Frühgeborenen

Besonderen Wert legen wir auch auf eine einfühlsame Anleitung der Eltern, damit sie sich aktiv an der Pflege beteiligen können, z. B. beim Wickeln, Füttern, Baden und Fiebermessen.

Die Chancen kleiner Frühgeborener, gesund zu überleben, haben sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Verstarb noch vor 15 Jahren die weit überwiegende Anzahl der Frühgeborenen unter 1000 g Geburtsgewicht, so überleben heute mehr als 2/3 dieser Frühgeborenen. Bei Frühgeborenen unter 750 g Geburtsgewicht ist die Komplikationsrate deutlich höher, d. h. die Gefahr einer Behinderung ist um so größer, je unreifer die Frühgeborenen sind.



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