Psychosomatik

Dr. Christoph Neyer

Nach landesplanerischer Genehmigung im Jahr 2004 wurde im Jahr 2005 die psychosomatische Abteilung innerhalb der Pädiatrie in Betrieb genommen. Das Konzept wird im Folgenden geschildert.

Was bedeutet Psychosomatik?

Der Begriff Psychosomatik weist auf Zusammenhänge zwischen körperlichen, seelischen und geistigen Phänomen hin. Solche Zusammenhänge kennt vermutlich jeder aus seinem eigenen Erleben. So kann man in einer Prüfungssituation feuchte Hände haben, zittern, den eigenen Herzschlag spüren, ein flaues Gefühl im Bauch haben, plötzlichen Harndrang verspüren, keinen klaren Gedanken fassen. Im Zustand des Verliebtseins fühlt man sich oft leicht, beschwingt, sorgenlos, zu allem fähig, voller Energie. Im engeren Sinne ist Psychosomatik die Lehre von den Zusammenhängen zwischen psychischen Problemen und körperlichen Störungen. Im Bereich psychosomatischer Erkrankungen kann noch einmal unterschieden werden zwischen so genannten "funktionellen" Beschwerden, bei denen ein auffälliger organischer Befund nicht erhoben werden kann (z. B. morgendliche Bauchschmerzen bei Schulangst), und organischen Erkrankungen, bei denen psychische Ursachen oder Begleiterscheinungen eine Rolle spielen (z. B. Colitis ulcerosa).

In der Kinderklinik werden oft Kinder und Jugendliche vorgestellt mit chronischen Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Schlafproblemen etc. Durchgeführt werden Untersuchungen zur Abklärung möglicher Ursachen, häufig zeigt sich dabei aber keine fassbare organische Veränderung. In der Erhebung der Vorgeschichte interessiert u. a., wann die Beschwerden auftreten, wie die Familie und das Umfeld darauf reagieren, welche Überlegungen die Eltern selber zu den Ursachen der Beschwerden haben.

Die Psychosomatik arbeitet mit einem "bio-psycho-sozialen"-Krankheitsmodell. Das bedeutet, dass mehrere Aspekte gleichzeitig erfasst und berücksichtigt werden, die sich gegenseitig beeinflussen können: körperlicher Befund, Ergebnisse medizinischer Untersuchungen, psychische Situation, Belastungen in Familie und Freundeskreis, Reaktion von Familie und Freunden auf die Erkrankung.

Welche Probleme werden in der psychosomatischen Abteilung behandelt?

Bereits erwähnt wurden Schmerzstörungen, z. B. chronische Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen. Auch Schulphobie, Essstörungen, psychogene Anfälle und neurotische Belastungsstörungen können zu einem Aufenthalt führen.

Behandelt werden weiterhin Kinder mit psychischen Problemen im Vorschul- und Grundschulalter, wie Einnässen/Einkoten, depressive Störungen, Angststörung, sozial auffälliges Verhalten. Bei chronischen Erkrankungen können zusätzlich psychische Probleme auftreten, z. B. bei Diabetes, Asthma, Epilepsie, zystischer Fibrose. Ein weiterer Bereich sind Beeinträchtigungen der Verhaltensregulation und der Eltern-Kind-Beziehungen im Säuglings- und Kleinkindesalter (Schreibaby, Schlafstörungen, Fütterstörungen, Gedeihstörungen).

Wie ist das Konzept der Psychosomatik?

Die Kinder und Jugendlichen, die psychosomatisch behandelt werden, leben gemeinsam in einem speziellen Bereich der Kinderstation. Sie werden dort von einer Erzieherin und von einer Kinderkrankenschwester betreut. Der Tagesablauf ist rhythmisch gegliedert. Wiederkehrende Abläufe geben den Kindern Orientierung und Sicherheit. Der Tag beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück. Vormittags werden die Schulkinder von einer Lehrerin unterrichtet. Die jüngeren Kinder spielen, malen oder basteln mit einer Erzieherin im Spielzimmer oder unternehmen etwas im Garten. Gemeinsam wird dann zu Mittag gegessen. Vor allem nachmittags, z. T. aber auch vormittags, erfolgen Einzel- und Gruppentherapien.

Im Team der psychosomatischen Abteilung arbeiten Angehörige verschiedener Berufsgruppen zusammen. Das Team besteht aus Erzieherinnen, Krankenschwestern, der Lehrerin, Kinderärzten, Psychologinnen, Psychotherapeuten, der Sozialpädagogin, Ergotherapeutin, Krankengymnastin, Kunsttherapeutin, Logopädin und Musiktherapeutin.

Abb.: Das Team in der Psychosomatik als Voraussetzung zur Behandlung von Seele, Körper und Geist

Die Tätigkeiten dieser verschiedenen Berufsgruppen werden in diesem Buch in anderen Kapiteln detailliert beschrieben. Für jedes Kind und seine Eltern gibt es einen Hauptverantwortlichen aus der Gruppe der Kinderärzte, Psychologinnen und Sozialpädagoginnen. Er ist ihr Ansprechpartner, ist für das Behandlungskonzept zuständig und koordiniert die Therapien. Der Aufenthalt in der Psychosomatik dauert in der Regel mehrere Wochen. Abgesehen vom ersten Wochenende werden die Kinder in der Regel von Samstagmorgen bis Sonntagabend beurlaubt. In der Abteilung gelten einige Regeln (z. B. bezüglich Besuchszeiten, Süßigkeiten, Taschengeld), die zu Beginn des Aufenthaltes mit den Eltern besprochen werden. Während der Betreuung der Kinder in der Station erfolgen begleitende Gespräche mit den Eltern. Eine Nachbetreuung nach der Entlassung durch das Zentrum für Kinder und Jugendliche ist möglich und oft sinnvoll.

Fallbeispiel

Um die Behandlung der Abteilung zu veranschaulichen, schildern wir einen fiktiven Fall.

Anna, 10 Jahre, leidet seit einigen Monaten unter Bauchschmerzen. In letzter Zeit haben sie zugenommen, Kopfschmerzen und gelegentliche Schwindelgefühle sind hinzugekommen. Die sorgfältige organische Abklärung ergibt keine Auffälligkeiten. Eine Psychologin übernimmt die Betreuung. Sie lernt Anna in mehreren Terminen kennen, interessiert sich für die Persönlichkeit des Mädchens, seine Gefühle, Ängste und Sorgen. Im Gespräch mit den Eltern erfährt sie, wann die Beschwerden vor allem auftreten, die Eltern schildern die Tochter aus ihrer Sicht, berichten von Belastungen des Mädchens. Mit Erlaubnis der Eltern telefoniert die Psychologin mit der Klassenlehrerin des Mädchens. Die Psychologin bearbeitet mit Anna deren Ängste und Sorgen. Die Kunsttherapeutin gibt Anna die Möglichkeit, mit Farben das auszudrücken, was sie bedrückt. In einer Gruppe mit anderen Kindern lernt Anna Entspannungsverfahren. In der Psychomotorikgruppe und bei gemeinsamen Unternehmungen gelingt es dem schüchternen und sensiblen Mädchen mit Anregung durch die Betreuer zunehmend besser, eigene Ideen zu äußern und sich in der Gruppe zu behaupten. Bauchschmerzen treten immer seltener auf. An den Wochenenden ist Anna jeweils von Samstagmorgen bis Sonntagabend nach Hause beurlaubt. Die Psychologin spricht mit den Eltern über die Erfahrungen am Wochenende, sie bespricht mit ihnen auch den weiteren Umgang mit Beschwerden des Mädchens. Anna wird nach 6 Wochen entlassen, Anna und ihre Familie werden noch eine Zeit lang von der Psychologin über das Sozialpädiatrische Zentrum nachbetreut.



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