Vom Säuglingsheim zum Kinderkrankenhaus St. Elisabeth in Altötting

Dr. med. Paul Hammer

Der 2. Weltkrieg war zu Ende und es galt die Nachkriegszeit zu überwinden. Am schlimmsten litten die Kinder unter der allgemeinen Not und den Entbehrungen. Die Sterblichkeit war unter den Jüngsten sehr groß.

Abb.: Auszüge aus einem Bericht an den Regierungspräsidenten München am 07.03.1946, erstellt von der Fürsorgerin Frau Katharina Schuster

Auf Ansuchen von Frau Katharina Schuster, Fürsorgerin in Altötting, stellte das Seraphische Liebeswerk unter Generalpräses Pater Emmeram Glasschröder in Altötting ein Haus zur Verfügung und übernahm die Trägerschaft. Weihnachten 1945 konnte in diesem Säuglingsheim das erste Kind in Pflege genommen werden.

Abb.: Das Säuglingsheim in der Neuöttinger Straße in Altötting im Jahr 1950

Die Zahl wuchs stetig; gesunde und auch zunehmend kranke Kinder wurden aufgenommen. Herr Dr. Barthelmes übernahm die Betreuung der kranken Kinder. Er war im nahegelegenen Franziskushaus als Lazarettarzt tätig. Nach Auflösung des Lazaretts 1947 konnte Herr Dr. Hayduk, praktischer Arzt in Altötting, für die Versorgung gewonnen werden. Die Pflege der aufgenommenen Schützlinge übernahmen Schwestern des Dritten Ordens München-Nymphenburg und einige freie Schwestern.

Abb.: Rechnungsstellung des Dritten Ordens an den Pater Präses des Seraphischen Liebeswerkes für die Abstellung von Krankenschwestern im Säuglingsheim Altötting in den ersten sechs Betriebsmonaten

Am 05.07.1947 wurde Frau Dr. Maria Schimansky als ärztliche Leiterin des Heimes – von diesem Zeitpunkt an Kinderkrankenhaus St. Elisabeth des Seraphischen Liebeswerkes – eingestellt.

Abb.: Sie trugen die Last der ersten schweren Jahre: Frau Dr. Maria Schimansky, Schwester Oberin Venita, Schwester Diethilde, Schwester Helmtraud, Schwester Damiana, Schwester Bertwina, Schwester Ämiliane, Schwester Gorgonia, Schwester Elmara, Schwester Irene, Schwester Gualberta

Noch im Schreiben des Staatlichen Gesundheitsamtes vom 26.11.1946 wurde die Verlegung der kranken Kinder nach Steinhöring angemahnt. Erst mit dem Schreiben vom 23. 05. 1947 wurde die Aufnahme auch von kranken Kindern im Zusammenhang mit der Anstellung von Frau Dr. Schimansky genehmigt.

Abb.: Schreiben des Staatlichen Gesundheitsamtes Altötting am 23. Mai 1947.Die Aufnahme von kranken Kindern wird erstmals amtlich genehmigt

In mühevoller Kleinarbeit wurde das Haus weiter ausgebaut, u. a. Milchküche, Labor und Röntgeneinrichtung. Das Kinderkrankenhaus erfreute sich großer Beliebtheit im Landkreis Altötting und der Umgebung, als Frau Dr. Schimansky am 31. 08. 1955 das Haus verließ und eine eigene kinderärztliche Praxis in Altötting eröffnete.

Am 15. 09. 1955 stellte der seit 1950 amtierende Generalpräses des Seraphischen Liebeswerkes in Altötting, Herr Pater Altmann Reimeier, mich als Kinderarzt ein.

Abb.: Chefarzt Dr. Paul Hammer, von 1955 bis 1984 Chefarzt des Kinderkrankenhauses St. Elisabeth, und Schwester Gerlinde bei der täglichen Visite

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich als Assistent am Kinderkrankenhaus München-Schwabing unter der Leitung von Professor Dr. Hilber tätig. Zur gleichen Zeit übernahm Sr. Myra Nöth als Oberin die Leitung des Personals und der Wirtschaft.

Abb.: Schwester Oberin Myra Nöth, die die Leitung des Kinderkrankenhauses ab1955 innehatte. Das Foto wurde in ihrem Dienstzimmer einige Monate vor der Schließung des Kinderkrankenhauses 1984 aufgenommen

Das Haus war mit seinen 65 Betten mit kranken und gesunden Kindern voll belegt. In Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendamt Altötting konnten rasch die gesunden Kinder anderweitig untergebracht und die Entwicklung zum Kinderkrankenhaus vollendet werden.

Abb.: Das Kinderkrankenhaus von der Gartenseite im Jahr 1958. Die Laborschwester Ephrema bei der Gartenarbeit

Zeitweise beherbergte das Haus bis zu 80 Patienten, vorwiegend Säuglinge und Kleinkinder.

Abb.: Schwester Edelberta bei der Neugeborenen-Versorgung im Jahr 1956. Schwester Edelberta betreute die Neugeborenen und Frühgeborenen noch bis 1984. Charakteristisch für sie und die anderen Ordensschwestern war, dass sie bei Anwesenheit eines schwerkranken Kindes das Säuglingszimmer unter Umständen für Tage nur kurzfristig verließen

Im November 1955 konnte die Assistentenstelle mit Frau Hartmann besetzt werden: sie war 2 Jahre hier tätig. Ab 01.05.1959 arbeitete die Kinderärztin Frau S. Storch als Oberärztin im Haus. Sie betreute daneben die Vorratsapotheke.

Abb.: Chefarzt Dr. Hammer, Oberärztin Frau Dr. Storch und Schwester Juliana Nöth im Jahr 1973 bei der Visite

In den 60er Jahren erfolgte der große, notwendig gewordene Aus- und Umbau zur Modernisierung des Kinderkrankenhauses.

Unter anderem wurden ein Aufzug und die Frühgeburtenstation mit drei Inkubatoren eingebaut. So konnte nun auch die Lichttherapie bei schwerer Gelbsucht eingeführt werden. Für die Ordensschwestern, die bisher im Dachgeschoss des Kinderkrankenhauses notdürftig untergebracht waren, entstand ein eigenes Wohnheim.

Während dieser Bauarbeiten liefen Pflege und ärztliche Versorgung der kranken Kinder in vollem Umfang ohne Unterbrechung weiter, einschließlich einer stetig anwachsenden Ambulanz. Das Bayerische Rote Kreuz Altötting stellte eine beheizbare "Transportkiste" zur Beförderung der Frühgeborenen zur Verfügung, die aus ländlichen Gebieten in das Kinderkrankenhaus eingewiesen wurden. Die Aufnahme zahlreicher Ausländerkinder machte infolge der Sprachschwierigkeiten uns eine Erweiterung der Besuchszeiten für Eltern notwendig. Nach dem Ausbau konnten auch größere Kinder bis zum Alter von 10 Jahren stationär untergebracht werden. Der Babyboom der sechziger Jahre und eine Ausweitung des Einzugsgebietes führten zu einer starken Steigerung der Patientenzahlen.

Abb.: Einzugsgebiet des Kinderkrankenhauses in Altötting, dokumentiert 1954, 1957 und1967 nach einer Handzeichnung von Chefarzt Dr. Paul Hammer

 

Abb. 2.11 Die Entwicklung der Patientenzahlen im Säuglingsheim und im Kinderkrankenhaus St. Elisabeth

Ein Dokument der Zeitgeschichte und der Erfolge der Pädiatrie ist die Mortalitätsstatistik von 1954 bis 1984.

Abb.: Die Entwicklung der Neugeborenensterblichkeit (gelb) und der Kinder jenseits der Neugeborenenperiode (rot) als zeitgeschichtliches Dokument der modernen Pädiatrie

Am 01.07.1984 trat ich als Leitender Chefarzt des Kinderkrankenhauses St. Elisabeth des Seraphischen Liebeswerkes Altötting in den Ruhestand.

Abb.: Das Kinderkrankenhaus 1984 vor der Übernahme durch den Caritas-Kreisverbandvon der Neuöttinger Straße aus gesehen

 

Abb.: Der Garten und die rückwärtige Ansicht des Kinderkrankenhauses im Jahr 1984.Das Bild vermittelt die damals vorhandene Idylle und ist ein Abbild der harmonischen Atmosphäre im Hause

Nach entsprechenden Verhandlungen zwischen dem Seraphischen Liebeswerk und dem Landkreis Altötting übernahm der Kinderarzt Dr. Ronald Schmid als Chefarzt das Kinderkrankenhaus St. Elisabeth in Altötting.

Erfahrungsbericht über die ersten Jahre nach der Eröffnung des Kinderkrankenhauses in Altötting aus der Sicht einer Kinderkrankenschwester

Schwester Irene Haslberger

Ich erinnere mich persönlich noch recht gut an diese erste Zeit vor 59 Jahren. Im April 1946 hatte ich gerade hier im Krankenhaus Dritter Orden mein Krankenpflegeexamen gemacht (Kinderkrankenpflege Examen 1943 in Passau) und wurde drei Wochen später nach Altötting versetzt, "in das neue Säuglingsheim", wie man mir damals sagte. Meine Freude war groß: Ich stellte mir in meiner Begeisterung ein neues Haus vor, zwar nicht gerade komfortabel so kurz nach dem Krieg, aber doch eben alles neu, angefangen von neuer Einrichtung, neuer Kinderwäsche usw. Meine Enttäuschung war groß: Ein altes Haus, und ich ahnte bereits Schlimmes, als ich die ausgetretenen und abgebröckelten Eingangsstufen betrat. Und so kam es auch. Im Parterre befand sich die Kinderabteilung, und im 1. Stock wohnte noch eine Mietpartei.

Zu meinem Entsetzen lagen in jedem Kinderbett zwei Kinder! Eines am Kopf- und das andere am Fußende. Platz hatten die Kleinsten schon, denn die Betten, sie stammten aus einem früheren NSV-Kinderheim, waren lang, aber hygienisch und statthaft war das natürlich nicht. Und dann von wegen neue Wäsche! Hemdchen, Jäckchen, Strampelhöschen, Windeln, alles war kaum ausreichend vorhanden. Vom Wöchnerinnenheim in Augsburg bekamen wir dann Jäckchen, fein säuberlich maschinengestopft und schneeweiß. Diese zogen wir den Säuglingen nur an den Besuchstagen an, weil sie schöner waren als unsere, die bereits vergilbt und grau waren, da das Waschpulver zu wenig und zu schlecht war. Die Windeln waren natürlich immer knapp. Da entbrannte so mancher Kampf, und wenn wir mal ein paar mehr ergattern konnten, so deponierten wir sie als Vorrat unter der Matratze des Kinderbettchens. Und wenn wir jammerten, bekamen wir von Oberschwester Venita zu hören, dass sie eben nicht mehr Bezugsscheine bekomme. Als sie im Dezember 1945, vor dem offiziellen Beginn, beim Wirtschaftsamt um Bezugscheine für Windeln und Kinderwäsche vorgesprochen hatte, wurde sie gefragt: "Wie viele Kinder haben Sie?" Antwort: "Noch keines." "Ja, dann gibt’s auch keinen Bezugsschein!" An das erste Weihnachtsfest 1946 in Altötting erinnere ich mich noch sehr gut.

Die Küchenschwester hatte Plätzchen von der einfachsten Sorte gebacken, aber für uns waren sie ein Gedicht und verschwanden bald in unseren gierigen Mägen. An irgendein Geschenk kann ich mich nicht erinnern. Es war ja auch nicht wichtig, wir wussten ja, dass es nichts zu schenken gab. Aber die kleine Feier am Heiligen Abend war so beeindruckend, dass ich sie nie vergessen werde: Wir hatten ein schmuckloses Tannenbäumchen und davor eine echte Futterkrippe mit Heu und Stroh (woher wir sie hatten, weiß ich nicht), und darin lag ein lebendiges Christkindl. Kinder hatten wir ja genug.

Ein Neugeborenes war es zwar nicht, aber ein Bub musste es natürlich sein, darauf legten wir Wert. P. Emmeram, der damalige Präses des Seraphischen Liebeswerkes, kam zu der schlichten Feier, und ich sehe ihn noch mit Tränen in den Augen, als er unser lebendiges Christkind erblickte. Wir waren eine schöne kleine Gemeinschaft und alle von dieser Stunde ergriffen.

In diesem ersten Winter haben wir alle sehr gefroren in unseren Zimmern unter dem Dach, weil wir statt eines Oberbetts nur eine löchrige Rossdecke hatten.

Im ersten Jahr waren wir auch ohne Kinderarzt. Das Haus war anfangs als Säuglingsheim für gesunde Kinder gedacht, deren Mütter sie aus den verschiedensten Gründen nicht bei sich haben konnten. Aber die Kinder kamen zu 90 % krank, viele Flüchtlingskinder, die oft unterernährt waren. Dr. Hayduk, selbst ein Flüchtling, war sicher sehr froh, dass er sich in diesem Haus ärztlich betätigen konnte. Er war ein guter praktischer Arzt, und es kam zu einer guten Zusammenarbeit zwischen Arzt und Schwestern, aber in der Behandlung von Kinderkrankheiten hatte er etwas weniger Erfahrung.

So war er sichtlich froh, wenn wir – vor allem bei Ernährungsstörungen – vorschlagen konnten, was zu tun sei, und sich dann auch Erfolg einstellte. Und wir waren dankbar, einen Arzt an unserer Seite zu haben. Natürlich war es schwierig, mit den damals gängigen Medikamenten rasche Heilung zu erzielen. Antibiotika gab es nur unzureichend. Penicillin war besonders rar und musste zudem dreistündlich gespritzt werden. Mit Schrecken denke ich noch an das "Prontosil", das die Kinder meist schlecht vertrugen und fast immer erbrachen, wobei sich unsere wertvolle Wäsche gelb verfärbte! Welch ein Schreck! Im Sommer 1947 kam dann Frau Dr. Schimansky, die gerade ihre Facharzt Anerkennung bekommen hatte, in unser Haus. Nun wehte ein anderer Wind. Sie war außerordentlich tüchtig und ehrgeizig.

Wir schätzten ihr fachliches Können sehr und waren froh, nun nicht mehr so viel Verantwortung tragen zu müssen.

Das Haus war immer gut belegt, oft auch überbelegt, und es lag ihr alles daran, dass das Haus einen guten Ruf bekam, was ihr auch in kurzer Zeit gelungen ist.

Abb. 2.15 Leserbrief im ANA vom 13.07.1985

Die menschliche Seite sah allerdings anders aus. Frau Dr. Schimansky stammte aus Ostpreußen, ich glaube aus Königsberg; sie war diktatorisch und äußerst misstrauisch. Dazu der "Stammesunterschied" zwischen Bayern und Preußen.

Dass es da nicht ohne Schwierigkeiten abging, trotz gegenseitiger Bemühungen, lässt sich denken. Sie verlangte von uns Schwestern sehr viel, man musste äußerst exakt arbeiten, und trotzdem konnte man ihr nicht alles recht machen. Die Arbeitszeit war lang, die Nächte kurz, die Freizeit minimal. Ich selbst musste, da ich auch eine Büroausbildung hatte, die Arztberichte aufnehmen und schreiben, natürlich nachts, denn tagsüber hatte ich ja Stationsdienst und meist die Frühgeburten zu versorgen.

1955 ließ sich Frau Dr. Schimansky als praktische Kinderärztin in Altötting nieder.

Nachfolger wurde der Kinderarzt Dr. Hammer. Da ich 1953 nach Passau versetzt wurde, kann ich über die weitere Entwicklung des Kinderkrankenhauses nicht mehr persönlich berichten.

Sie waren nicht leicht, die ersten Jahre, sondern sie waren – offen gesagt – recht schwer, eben Nachkriegsjahre mit allen Schwierigkeiten. Aber wir waren alle junge Schwestern, voller Idealismus, bereit, hart zu arbeiten, und hatten Freude an unserem Beruf. So ließ sich vieles ertragen, Schweres oder Unschönes vergessen, so dass heute manches in einem anderen Licht erscheint und in guter Erinnerung bleibt.



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