Umschriebene Entwicklungsstörung am Beispiel der Legasthenie

Prof. Dr. Ronald G. Schmid

Die 11-jährige Veronika wurde gegen Ende der 5. Hauptschulklasse mit der Frage nach einer Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) vorgestellt. Sie erbrachte in der Schule im Allgemeinen gute bis befriedigende Leistungen. Bei Diktaten waren die Leistungen dagegen ungenügend.

Bei der Befunderhebung fiel auf, dass das 151 cm große Mädchen zu Beginn der Pubertät 64,5 kg schwer war und damit an einer Adipositas litt. Dadurch ergaben sich auch erhebliche motorisch-koordinative Störungen bis hin zur Ungeschicklichkeit.

Abb.: Testung der Grobmotorik mit dem MOT

Die Intelligenztestung ergab einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten.

Abb.: Die Diagnose einer Legasthenie ist nur möglich, wenn eine umfassende Intelligenztestung, hier mit dem HAWIK IV, erfolgt

Beim Rechtschreibtest allerdings war sie nicht durchschnittlich, sondern gehörte zu den 8 % der schlechtesten Kinder im Altersvergleich. Das Gleiche traf auch auf den Lesetest zu. Damit konnte die Diagnose einer Legasthenie gestellt werden. Die Legasthenie ist definiert als eine erhebliche Differenz zwischen der Grundbegabung und den Fähigkeiten im Lesen und Rechtschreiben. Daneben war allerdings auch von Bedeutung, dass die inzwischen gestörte interfamiliäre Beziehung zum Kernproblem geworden war. Dies äußerte sich in einem Bild, in dem Veronika die Familie in Tiere verwandelte.

Abb.: Verzauberte Familie durch Veronika

Veronika stellte sich als selbstbewusstes Pferd dar, das von der Mutter, die in eine Schlange verwandelt war, ständig "terrorisiert" wird. Der Vater steht klassischerweise als Löwe am linken Bildrand, etwas abseits der Situation. Rechts neben ihr befindet sich der 6-jährige Bruder, der als problemloser Schüler der 1. Klasse von der Situation profitiert und in ein Schwein verwandelt wurde. Nach Angaben von Veronika lache er immer nur hämisch, wenn sie wieder geschimpft werde.

Diagnose der Legasthenie

Die Lese-Rechtschreibstörung wurde im Jahr 2004 am ZKJ 858-mal diagnostiziert.

Sie gehört mit dem Auftreten bei 4–7 % aller Kinder und Jugendlichen zu den häufigen Erkrankungen. Die Diagnose einer Legasthenie ist nur mit einer umfangreichen Testung, die mindestens 4 – 6 Stunden in Anspruch nimmt, möglich. Zur Definition ist die Durchführung eines allgemeinen Intelligenztestes und zur Erfassung der Lese-Rechtschreibschwäche die Durchführung eines Lese- und eines Rechtschreibtestes erforderlich. Die Diagnose einer Legasthenie kann nur gestellt werden, wenn der Patient normal begabt ist und die Lese-Rechtschreibleistung deutlich davon abweicht. Die Lese- und Rechtschreibleistung muss so schlecht sein, dass sie 5 –10 % der schlechtesten altersgleichen Kinder oder Jugendlichen entspricht. Häufig liegen neben der Legasthenie auch seelisch-psychische Veränderungen vor. Diese können so ausgeprägt sein, dass auch in diesem Bereich eine Behandlung erfolgen muss.

Die Behandlung der Legasthenie

Voraussetzung für die Erstellung eines Behandlungsplanes ist die ausführliche Diagnostik, die nicht nur die Intelligenz und die Lese-Rechtschreibung umfasst, sondern auch die psychische Situation des Kindes und der Umgebung. Die Therapie ist in der Regel ambulant durchführbar. Falls schwere Begleiterkrankungen in Form seelischer Störungen vorliegen, müssen auch diese parallel zur Lese-Rechtschreibschwäche behandelt werden. Die Störungen sind selten so ausgeprägt, dass eine teilstationäre oder stationäre Behandlung erforderlich wird.

Die Basis des therapeutischen Konzeptes ist:

  • Erläuterung der Diagnose und der damit verbundenen Konsequenzen für das betroffene Kind. Entsprechend dem Entwicklungsstand ist das Kind mit einzubeziehen.
  • Einbeziehung von Familienangehörigen, Lehrern oder anderen Kontaktpersonen in das diagnostische Ergebnis und das therapeutische Konzept.
  • Beratung hinsichtlich der Hilfen für das Kind und die Familie in der Schule und außerhalb, z. B. durch Förderkurse, Nachhilfe und Übungskurse.
  • Pädagogische Maßnahmen wie z. B.:
    • Berücksichtigung der Lese- und Rechtschreibstörung in der Schule auf der Basis eines Gutachtens
    • Schulische Förderkurse
    • Erleichterung nach den vorliegenden Legasthenieverordnungen(z. B. in Bayern vom November 1999)
    • Vermeidung von Bestrafung.
  • Behandlung von Begleiterkrankungen: Dies können – wie bei Veronika – massive Beziehungsstörungen innerhalb der Familie sein, aber auch sehr häufig Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität. Ein Drittel der Kinder mit Hyperaktivität hat gleichzeitig eine Legasthenie, so dass eine Doppeldiagnose behandelt werden muss. Darüber hinaus muss durch Seh- und Hörtest eine Störung der Sinnesorgane ausgeschlossen werden. Falls sich Motorikdefizite zeigen, sind auch hier Übungsprogramme erforderlich.

Abb. 25.9 Bewegungsparcours zur Förderung der Körperkoordination

Die Behandlung der Legasthenie und der Begleiterkrankungen bei Veronika

In erster Linie bestand bei Veronika die Notwendigkeit, ein Gutachten für die Schule zu erstellen. Der Schulpsychologe setzte dieses Gutachten dann um. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Einerseits können Kinder mit Legasthenie von der Notengebung befreit oder die Notengebung kann erleichtert werden. Es können aber auch Zeitzugaben beim Schreiben von Diktaten oder die Erbringung mündlicher statt schriftlicher Leistungen gewährt werden. Auch in den Fremdsprachen sind Erleichterungen möglich, z. B. durch die stärkere Gewichtung von mündlichen Leistungen gegenüber den schriftlichen. Die Situation für Veronika konnte durch das Legasthenie-Gutachten erheblich erleichtert werden.

Auf der anderen Ebene war zwischenzeitlich das Mutter-Kind-Verhältnis über die Hausaufgabensituation so gestört, dass eine Psychotherapie eingeleitet werden musste. Nach 6–8 Monaten konnten durch die positiven Auswirkungen des umgesetzten Legasthenie-Gutachtens die Situation wieder erheblich entspannt und  eine normale familiäre Interaktion erreicht werden. Wegen des Übergewichtes wurde Veronika in das POWER-KIDS-Schulungsprogramm (Kapitel 11.4) mit einer anschließenden einjährigen Betreuung aufgenommen. Die motorisch-koordinativen Defizite wurden durch Vermittlung in einen Sportverein verbessert. Im weiteren Verlauf wurde auch noch eine Übungsbehandlung eingeleitet. Veronika trainierte dort in einer 3er-Gruppe unter Einsatz von Computerprogrammen das Lesen und Schreiben im Sinne eines Legasthenie Trainings. Diese Maßnahmen werden in der Regel nicht durch die Krankenkasse, sondern über das Jugendamt oder die Sozialhilfe finanziert.



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