Überblick über die Störungen des Sprechens und der Sprache

Vom ersten Schrei nach der Geburt bis zum ersten vollständigen Satz vergehen mehrere Jahre. In dieser Zeit vollbringt das Gehirn Höchstleistungen. In vielen kleinen Schritten muss das Kind unsere Sprache entschlüsseln und die Fähigkeit entwickeln, sich situationsgemäß mitzuteilen. Dieser Entwicklungsprozess ist verständlicherweise störanfällig. Im Folgenden werden die wesentlichen Formen der Spracherwerbsstörungen dargestellt.

Störungen der AusspracheLautersetzungen

Wenn ein Kind spricht, kommt es vor, dass ein Laut im Wort durch einen anderen ersetzt wird. Es sagt beispielsweise: "In der Tanne ist kein Tee mehr". Es ersetzt hier das "K" von Kanne durch ein "T". Wenn mehrere Laute ersetzt werden, kann das Gesagte manchmal unverständlich werden. Weitere Beispiele für Lautersetzungen sind:

  • Sule statt Schule
  • lot statt rot
  • Dabel statt Gabel

Lautfehlbildungen

Beim Lispeln (Sigmatismus) wird der SLaut gebildet, indem die Zunge zwischen die Zähne gesteckt wird. Dadurch entsteht bei der Lautbildung ein Nebengeräusch.

Dysgrammatismus

Mit etwa 4 1/2 Jahren sind die wichtigsten grammatischen Regeln erworben. Liegt ein Dysgrammatismus vor, hat das Kind in diesem Alter noch Schwierigkeiten beim Satzbau. Die Wörter im Satz werden nicht in der richtigen Reihenfolge gesprochen. So entstehen Sätze wie "Ich Oma gehen", was heißen soll: "Ich gehe zur Oma". Auch können Satzbausteine fehlen wie Artikel (der, die, das) oder Verhältniswörter (auf, in, unter). Das Kind sagt dann: "Ich gehe Spielplatz", anstelle von: "Ich gehe auf den Spielplatz". Auch die passenden Endungen von Tunwörtern (gehen, laufen, essen) können fehlen: "Du da reingehen" anstelle von "Du gehst da ’rein".

Sprachverständnisstörungen

Im Alter von ungefähr vier Jahren ist die grammatische Entwicklung eines Kindes so weit fortgeschritten, dass es Aufforderungen verstehen kann. Auch Erzählungen und Geschichten kann es folgen. Probleme beim Verstehen von Äußerungen werden häufig unterschätzt oder übersehen, da bereits Kleinkinder aus der Situation den Inhalt erraten können. Die Aufforderung "Gib mir den Ball" kann das Kind erschließen, wenn ein Ball am Boden liegt und die Mutter zum Ball schaut.

Im Vorschulalter können Kinder mit eingeschränktem Sprachverständnis durch wenig Interesse für vorgelesene Geschichten auffallen. Da sie dem Inhalt nicht folgen können, wird ihnen schnell langweilig. Bei Aufforderungen orientieren sie sich meistens an den Reaktionen von anderen. Auf Fragen antworten sie nicht oder mit wenigen Worten oder mit "Ja".

Im Schulalter tun sich die Kinder schwer beim Verstehen von Aufforderungen und dem Erfassen von Texten. So können gute Rechner manchmal an Textaufgaben scheitern, weil sie die wichtigen Informationen nicht entschlüsseln können.

Wortschatzdefizite

Um sich über seine Umwelt austauschen zu können, muss ein Kind über einen ausreichenden Wortschatz verfügen. Es muss viele Begriffe von Alltagsgegenständen (Glas, Teller, Messer) und Tieren (Hund, Katze, Maus) kennen, aber auch Tunwörter (gehen, sitzen, springen) und Farbbegriffe (rot, grün, gelb).

Es gibt den sog. "passiven" Wortschatz, der die Grundlage für das Verstehen von Begriffen ist, der "aktive" Wortschatz wird beim Sprechen verwendet. Wenn ein Kind nur einen geringen Wortschatz aufweist, kann sich auch die Grammatik nicht altersgemäß entwickeln. Fallen einem Kind besonders häufig Begriffe nicht ein, die ihm aber bekannt sind (passiver Wortschatz), spricht man von einer "Wortfindungsstörung".

Redeflussstörungen Stottern

Die bekannteste Redeflussstörung ist das Stottern. Eine regelgerechte Sprachentwicklung bringt ein "normales" Maß an Sprechunflüssigkeiten mit sich. Wenn ein Kind seine Sprache in den ersten Lebensjahren weiterentwickelt, muss es immer wieder Wörter verändern oder im Satz umstellen. Dazu beobachtet es bestimmte Sprachvorgänge mehr oder weniger bewusst. In diesem Zusammenhang kann es zu entwicklungsbedingten Unflüssigkeiten beim Sprechen kommen. Dabei können dann einzelne Wörter wiederholt werden ("Ich – ich – ich muss nach Hause") oder der Satz kann umgestellt werden ("Wo ist …? - - Kannst Du mir das Auto geben?"). Bleiben solche Unflüssigkeiten über ein halbes Jahr bestehen, kann sich daraus Stottern entwickeln. Es kommen Silbenwiederholungen ("Ich ma – ma – ma- mache das gleich") oder Dehnungen von Selbstlauten ("Ich kaaaaaaaaaann jetzt nicht"). Es können körperliche Begleiterscheinungen wie Mitbewegungen der Gesichtsmuskulatur, Erröten und allgemeine starke Anspannung auftreten. Durch das Stottern kann die emotionale Verfassung des Kindes negativ beeinflusst werden. Es kann zu einem mangelnden Selbstwertgefühl, zu Rückzugstendenzen oder sozialer Unsicherheit kommen.

Insgesamt kann man sagen, dass Stottern nicht durch ungewöhnliche Umstände wie Schock- oder Angsterlebnisse ausgelöst wird.

Poltern

Beim Poltern spricht das Kind sehr hastig. Zum einen werden Silben und Wörter zusammengezogen, zum anderen werden auch Satzteile "verschluckt", so dass die Sprache schwer verständlich ist. Das Kind sagt "Ichspring aufm Tramplin" für "Ich springe auf dem Trampolin".

Stimmstörungen

Eine wichtige Grundlage für das Sprechen ist die Stimme. Im Rahmen von Erkältungen kommt es manchmal zu Heiserkeit. Auch bei stärkerem Bemühen kann das Kind nicht laut sprechen. Der Grund dafür liegt in einer Verdickung der Stimmlippen im Kehlkopf, die sich nicht mehr ausreichend aneinanderlegen können. Mit dem Abklingen der Erkältung nimmt die Lautstärke der Stimme wieder zu. Durch ständige starke Belastung der Stimme können sich sog. "Schreiknötchen" bilden. Die Stimme wird dadurch durchgängig heiser. In der Pubertät bilden sich solche Verdickungen der Stimmlippen wieder zurück.

Hörstörungen

Die wichtigste Voraussetzung für die Sprachentwicklung ist ein ausreichendes Gehör. Bereits in der Neugeborenenstation wird ein Hörscreening mit den Babys durchgeführt, um eventuelle Hörbeeinträchtigungen frühzeitig behandeln zu können. Im frühen Säuglingsalter ist eine aussagekräftige Hördiagnostik möglich.

Abb.: Bereits im frühen Säuglingsalter ist eine sichere Hördiagnostik möglich. Nur mit einem ausreichenden Hörvermögen kann sich die Sprache vollständig entwickeln

Bei einem Verdacht des Kinder-/ Hausarztes auf "schlechtes" Hören sollte eine Überprüfung des Gehörs durch einen darauf spezialisierten Arzt (u. a. HNO-Arzt, Pädaudiologe) durchgeführt werden. Bei häufigen Erkältungen kann es zu einer Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr kommen. Dadurch kann das Kind die Umwelt nur noch "gedämpft" hören. Ihm entgehen dann wichtige Informationen für seine Sprachentwicklung. Nach einem kurzen Eingriff (Einsetzen von Paukenröhrchen) kann das Kind wieder normal hören. Auch die rechtzeitige Anpassung von Hörgeräten kann eine starke Verzögerung der Sprachentwicklung verhindern.

Zentral-auditive Wahrnehmungs und Verarbeitungsstörungen

Wenn ein Kind ein Wort hört, muss es dieses auch entschlüsseln können. Dazu braucht es die auditive Wahrnehmung und Verarbeitung. Es muss beispielsweise erkennen können, ob eine Tanne oder eine Kanne gemeint ist. Gelingt dies nicht, so geht man heute davon aus, dass die auditive Wahrnehmung und Verarbeitung gestört ist. Auch der Kontrollmechanismus zur Überprüfung des eigenen Sprechens fällt in diesen Bereich ("Sage ich gerade Kanne oder Tanne?").

Umschriebene Entwicklungsstörung der Schriftsprache

In der ersten Klasse lernen die Kinder lesen und schreiben. Viele machen dabei gute Fortschritte, aber einige SchülerInnen tun sich damit schwer. Diese Kinder haben eine Lese-Rechtschreibstörung. Sie haben ein Problem, die grundlegenden Prinzipien beim Lesen und Schreiben zu erfassen. Zu Beginn des Schriftsprachenerwerbs treten Schwierigkeiten bei der Zuordnung des passenden Schriftzeichens zu dem entsprechenden Laut auf. Wie schreibe ich den Buchstaben für den Laut "L"? Danach muss dann die nächste Hürde bewältigt werden: Die Laute müssen in der richtigen Reihenfolge zusammengesetzt werden. Später muss dann erkannt werden, ob ein doppelter Mitlaut im Wort "Sonne" vorhanden ist. Mit zunehmender Stofffülle werden die grundlegenden Schwierigkeiten beim Schreiben und Lesen immer deutlicher. Die Kinder können nur langsam lesen und haben sehr viele Fehler in Diktaten und Aufsätzen. Wegen des langsamen Lesens kann es dann auch noch Schwierigkeiten beim Verstehen von Aufgaben und Texten geben.

Myofunktionelle Störungen

Im Mund- und Gesichtsbereich können myofunktionelle Störungen auftreten. Wenn ein Kind beim Betrachten eines Bilderbuches den Mund offen lässt, dann kann das daran liegen, dass die Muskulatur im Gesicht zu schwach ist, um den Mund über längere Zeiträume zu schließen. Das Herauslaufen des Speichels beim Spielen kann an einem nicht richtigen Schluckmuster liegen. d.h. das Kind führt nicht die richtige Zungenbewegung durch, die notwendig ist, um den Speichel aus dem Mundraum zu befördern. Auch für die Bildung von Lauten ist eine ausreichend entwickelte Mund- und Gesichtsmuskulatur erforderlich. Für die "Schnutenbildung" beim Sch-Laut muss das Kind in der Lage sein, bewusst die Lippen nach vorn zu stülpen. Myofunktionelle Störungen können auch zu Zahnfehlstellungen führen. Wenn die Zunge beim Schlucken über die Vorderzähne hinausgeht, kann dieses zu einer Schrägstellung der Zähne führen.

Störungen der Nahrungsaufnahme

Wenn die Mund- und Gesichtsmuskeln zu schwach entwickelt sind, kann der Säugling seine Nahrung nicht über das Saugen an der Brust bzw. am Sauger des Fläschchens aufnehmen. So fehlen ihm wichtige taktile Informationen, die zur Weiterentwicklung des Mundbereiches notwendig sind. Auch kann der Mundraum besonders berührungsempfindlich sein, so dass ein Kind es ablehnt, festere Nahrung wie z. B. Nudeln zu essen. Manchmal können solche Störungen dazu führen, dass Kinder immer wieder dazu aufgefordert werden müssen, überhaupt Flüssigkeit oder feste Nahrung aufzunehmen.



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