Therapie von Kindern und Jugendlichen mit Sprach- und Sprechstörungen

Vor einer Behandlung der Kinder und Jugendlichen erfolgt eine umfassende Untersuchung der sprachlichen Leistungen.

Abb.: Mit verschiedenen Testverfahren wird die Entwicklung der sprachlichen Kompetenzüberprüft. Neben der Aussprache werden die grammatischen Fähigkeiten und auch sprachliche Gedächtnisleistungen überprüft

Auf der Grundlage der Ergebnisse, der durch den Arzt oder Psychologen erhobenen Befunde, werden spezifische Untersuchungen der Mundmotorik, der Sprache und der Aussprache vom Logopäden durchgeführt.

Im Folgenden werden einige wichtige Therapiemethoden dargestellt. Eine ausführliche Beschreibung aller eingesetzten Verfahren würde den Rahmen dieses Kapitels sprengen.

Artikulationstherapie

In der Artikulationstherapie lernt das Kind, Laute zu bilden und in Wörtern korrekt einzusetzen. Zunächst wird der isolierte Laut angebahnt, z. B. ein Sch-Laut. Hierzu werden i. d. R. mundmotorische Übungen verwendet, um Hilfen für eine richtige Mundstellung zu geben. Wenn die korrekte Lautbildung weitgehend gelingt, lernt das Kind nach der Silbenbildung die Wortbildung. Zum Üben der Wörter werden Spiele eingesetzt, z. B. Memory oder Würfelspiele. Bis der Laut in der Alltagssprache richtig eingesetzt wird, ist oft viel Übungszeit notwendig.

Die Eltern werden angeleitet, Spiele zum häuslichen Üben durchzuführen. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie sind gezielte Hörübungen. Das Kind lernt den anzubahnenden Laut auditiv wahrzunehmen, überprüfen zu können, wie gut die Lautbildung bereits gelingt. Hierzu werden auch Computerprogramme eingesetzt, die einen hohen Aufforderungscharakter aufweisen.

Abb.: Gezielte Computer-Animationen zur Artikulationstherapie haben einen hohen Aufforderungscharakter. Sie fördern die Motivation, die für eine Lautfestigung notwendig ist

Therapie bei Dysgrammatismus

Ist der Satzbau eines Kindes noch nicht altersgemäß entwickelt, wird die bereits erreichte Entwicklungsstufe ermittelt, um eine gezielte Förderung zu gewährleisten. Satzstellungsfehler ("Ich das nicht machen", anstelle von: "Ich mache das nicht") sind hartnäckige Phänomene. Durch kontextoptimierte Übungen wird dem Kind immer wieder die richtige Satzstruktur angeboten, die es auch selbst sprechen sollte. Die Eltern werden angeleitet ähnliche Spielsequenzen zu Hause mit dem Kind durchzuführen. Da das Sprachmodell bei Grammatikstörungen einen hohen Stellenwert hat, erlernen die Eltern das sog. "korrektive Feedback".

Hierbei wird die Äußerung des Kindes noch einmal mit der richtigen Wortstellung im Satz wiedergegeben und eventuell fortgeführt. Wenn das Kind sagt: "Das Tisch liegen", sagt die Mutter: "Ja, der Ritter liegt unter dem Tisch".

Bei Schulkindern werden auch Lesetexte zum Erlernen von grammatischen Strukturen eingesetzt.

Therapie bei Sprachverständnisstörungen

Eine gute Unterstützung des Sprachverstehens bietet das Spielen mit Figuren und das Rollenspiel. Hierzu muss das Kind eine Vorstellung von Handlungen entwickeln und ist aufgefordert, selbst zu agieren und zu sprechen. Wenn z. B. beim Kaufladenspiel Milchtüten und -flaschen im Regal stehen, lernt das Kind genau hinzuhören, wenn die Käuferin sagt: "Ich möchte eine Tüte Milch".

Abb.: Das Spiel mit dem Kaufladen dient der Erweiterung und Festigung des Wortschatzes. Im Rollenspiel werden Satzbau und Sprachverständnis gefördert. "Ich möchte eine Tüte Milch"

In den Spielablauf werden gezielte Übungsbereiche eingebaut, ohne dem Kind den Eindruck zu vermitteln, dass es gerade eine sprachtherapeutische Übung durchführt. Zum Verstehen von Verhältniswörtern (auf, in, unter) fordert der Therapeut den Löwen, der vom Kind gespielt wird, auf: "Spring auf den Stuhl". Bei Schulkindern wird das Sprachverständnis durch Arbeitsblätter oder Ratespiele mit Texten gefördert.

Therapie bei Wortschatzdefiziten

Bei einem geringen Wortschatz lernt das Kind in verschiedenen Kontexten Begriffe kennen. So werden zunächst Alltagsgegenstände aus der Wohnung (Löffel, Stuhl, Bett) spielerisch erfahren. Beim aktiven Handeln, z. B. beim Herstellen von Orangensaft, werden Verben und Adjektive gelernt. Auch werden möglichst viele Wahrnehmungsbereiche einbezogen, um Begriffe wie warm und kalt spürbar zu machen. Die Eltern werden zu einem kindgemäßen Umgang mit Spielen, Spielhandlungen und Bilderbüchern angeleitet.

Stottertherapie

Beim Auftreten von Stottersymptomen im Vorschulalter steht in der Regel die Elternberatung im Vordergrund. Die Eltern werden angeleitet, ein Umfeld zu schaffen, in dem mögliche Verstärker der Symptomatik ausgeschaltet werden. Bei länger andauerndem Stottern werden Übungen zur Sprechverlangsamung und zur Verbesserung der Sprechflüssigkeit durchgeführt.

Im Schulalter lernen die Kinder zunächst, sich mit ihrer Stottersymptomatik auseinander zu setzen. Später erlernen sie Techniken, das Stottern in Belastungssituationen verringern zu können. Die Stottertherapie ist eine individuelle Behandlung und setzt gegenseitiges Vertrauen voraus. Deshalb liegt der Schwerpunkt am Anfang auf einem guten Beziehungsaufbau. Nach einer längeren Einzeltherapie wird eine Behandlung in kleinen Gruppen durchgeführt.

Therapie einer umschriebenen Entwicklungsstörung der Schriftsprache

Der Schüler lernt zunächst eine korrekte Laut-zu-Schriftzeichen-Zuordnung. Danach wird das Schreiben und Lesen von Silben und Wörtern trainiert. Das Zergliedern von Wörtern wird mit dem rhythmischsilbierenden Schwingen und Schreiten durchgeführt. Damit wird auf körperlicher Ebene ein sicheres Gefühl für die Silbensegmentierung erreicht. Auch können die Kinder und Jugendlichen lernen, Doppelkonsonanten durch diese Technik "hörbar" zu machen.

Abb.: Durch das rhythmisch-silbierende Schwingen wird ein Wort in Silben zerlegt. Hierbei kann ein Doppelkonsonant, z. B. im Wort Himmel, gut erkannt werden

Weitere Inhalte der Therapie sind die Erkennung von schwierigen Lautverbindungen ("kr" in kriechen wird manchmal verwechselt mit "Gr" in Griechen; "bl" oder "pl", usw.). Bei den fortgeschrittenen SchülerInnen werden dann Wörter sprachsystematisch in ihre Bestandteile zerlegt, um damit Rückschlüsse auf die Schreibweise zu ermöglichen.

Myofunktionelle Therapie

Die myofunktionelle Therapie wird als Vorbereitung zur Lautbildung eingesetzt. Durch gezielte Übungen mit einem Strohhalm kann z. B. das Vorstülpen der Lippen zur Sch-Laut-Bildung angebahnt werden. Das Ansaugen von leichten Gegenständen kann die Mundmuskulatur stärken.

Abb.: Mundmotorische Übungen fördern die Beweglichkeit und Kräftigung der Zungenmuskulatur und der Lippen. Unter den Papierschnipseln, die das Kind mit dem Strohhalm ansaugt, sind Bildkarten versteckt. So wird ein neues Lautmuster spielerisch gelernt

Auch kann die Lage der Zungenspitze bei der S-Laut-Bildung spürbar gemacht werden. Dazu können vorbereitende Tastübungen eingesetzt werden.

Abb.: Wahrnehmungsschulung durch Training des tastenden Erfassens von Formen und Strukturen unterschiedlicher Materialien mit den Fingern als Vorübung der Wahrnehmung im Mundraum

Zum Erlernen eines funktionellen Schluckmusters werden im fortgeschrittenen Therapiestadium Schluckübungen mit kleinen Plastikringen auf der Zunge durchgeführt.

Bei Säuglingen und kleinen Kindern, aber auch bei körperbehinderten und geistig behinderten Kindern und Jugendlichen werden Massagetechniken aus der "Orofazialen Regulationstherapie" nach CastilloMorales eingesetzt. Die Eltern lernen die für das Kind wichtigen Massagegriffe, damit sie diese zu Hause durchführen können.



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