Diagnostik in der Montessori-Therapie

Die teilnehmende Langzeitbeobachtung der Materialauswahl und Materialarbeit ist die eigentliche Diagnostik in der MontessoriTherapie. Folgendes kann beobachtet werden: Welches Material sucht sich das Kind aus, wie lange braucht es dafür, wie sind Handhabung und Nachahmung? Das Montessori-Material ist also nicht nur Entwicklungsmaterial, sondern gleichzeitig auch Diagnostikmaterial. Durch entsprechende schriftliche Dokumentation werden Therapieeinstieg und Therapieverlauf wiedergegeben, ergänzt durch zusätzliche kontinuierliche Informationen aus dem sozialen Umfeld des Kindes.

Materialbeispiele sowie direkte und indirekte Förderziele: Im Folgenden wird ein Teil der Materialien aus den 5 Materialbereichen aufgezählt und auf die direkten und indirekten Förderziele eingegangen.

Die direkten und indirekten Förderziele können von der Therapeutin individuell gezielt gemäß dem Entwicklungsstand des Kindes, seinen Stärken und Schwächen entsprechend verändert werden. Dabei werden die Isolation der Schwierigkeiten und eine dosierte Schwierigkeitsgradsteigerung berücksichtigt. Die Farbtäfelchen sind z. B. in ihrer Form gleich, nur die Farben sind unterschiedlich. Stufenweise werden erst Grund-, dann Mischfarben und zuletzt Farbschattierungen von hell zu dunkel eingeführt.

Bei einer Materialdarbietung durch die Therapeutin steht das Modell-Nachahmungslernen im Vordergrund. Exploriert das Kind mit dem Material, kann es u. a. zum Versuch-Irrtum-Lernen kommen bzw. macht das Kind die seinem Entwicklungsstand entsprechenden Lernerfahrungen. Zum Lernen braucht das Kind genügend Zeit für Übung und Wiederholung, Vertiefung, Sicherheit und Vertrautheit, aber Platz für Kreativität und Variationsmöglichkeiten muss auch sein.

Übungen des praktischen Lebens

Die Übungen des praktischen Lebens beinhalten Gegenstände und Tätigkeiten des täglichen Lebens, die dem Kind z. T. bereits aus der häuslichen Umgebung bekannt und vertraut sind: Löffel-, Schütt- und Gießübungen, Flechtund Faltübungen und vieles mehr. In ihnen findet man viele Übungen, die abgestimmt sind auf die Kultur des Landes.

Abb.: Ausgewählte Materialien zu den Übungen des praktischen Lebens: Schraubholz, Anziehrahmen, Löffelübungen mit Körnern und Bällen, Schüttübung mit Sand, Gieß- und Spritzübungen mit Wasser und Getreidemühle

Sie kanalisieren den kindlichen Bewegungsdrang, dienen der Bewegungskoordination und Bewegungsverfeinerung und bereiten so indirekt auf die Graphomotorik vor. Der Beginn der schrittweisen Unabhängigkeit vom Erwachsenen wird eingeleitet.

Je nach Patientenklientel lassen sich adaptierte Materialien entsprechend unterschiedlichen Behinderungen und Behinderungsgraden integrieren.

So bietet man z. B. Kindern mit Sprachentwicklungsdefiziten adaptierte Materialien an, die gezielt die Mundmotorik fördern (z. B. Blase- und Pusteübungen). Das Training der Feinmotorik beeinflusst Mundmotorik, Zungenmotorik und Sprechmuskulatur. Die vom Material ausgehende Ordnungsstruktur kann eine indirekte Vorbereitung für den Satzbau sein. Das auf dem Tablett klar strukturiert angerichtete und farblich abgestimmte Arbeitsmaterial vermittelt dem Kind Arbeitsplatzbegrenzung und Orientierungshilfe für einen geschlossenen Handlungsablauf. Es ermöglicht die präzise Analyse von komplexen Handlungsabläufen und gliedert einen geschlossenen Handlungsablauf in durchschaubare Teilschritte, die die Serialität aufbauen.

Von der natürlichen kindlichen Freude am Tun geht eine unbewusste Sprachanimation aus. Der Wortschatz kann anhand des konkreten Materials gefördert werden. Materialspezifische Namen, Tunund Eigenschaftswörter werden vermittelt. Das Kind assoziiert abstrakte Wörter mit konkreten Gegenständen, Tätigkeiten und Eigenschaften. So entstehen Wortbilder. Das Wort wird lebendig im Gedanken und klar durch die Handlung.

Sinnesmaterial

Zum Sinnesmaterial gehören unter anderem Farbtäfelchen, Geruchsdosen, Geschmacksgläser, Geräuschdosen, geometrische Körper und Flächen, konstruktive Dreiecke, der rosa Turm, die braune Treppe, rote Stangen und Einsatzzylinder.

Abb.: Arbeit mit dem Sinnesmaterial "rosa Turm": Wahrnehmungsschulung Groß-Klein-Abstufung der 10 Kuben, Aufbau zum Turm

Es vermittelt über verschiedene Wahrnehmungskanäle, die erst isoliert, dann kombiniert angesprochen werden, vielfältige Sinneseindrücke. Die Sinnessensibilität wird geweckt. Das Kind lernt mit Hilfe der "materialisierten Abstraktion" zu vergleichen, zu unterscheiden, zu paaren und abzustufen. Neue Begriffe wie lang - kurz, dick - dünn, groß - klein werden in der 3-Stufen-Lektion dargeboten.

Die 1. Stufe ist die Verbindung von Sinneswahrnehmung und Namen ("Assoziation"). In der 2. Stufe wird der Name des entsprechenden Gegenstandes wiedererkannt (Reproduktion). Die 3. Stufe ist die Erinnerung, Verbalisierung und Anwendung des Namens des entsprechenden Gegenstandes (Abstraktion).

Vom "Greifen zum Begreifen" werden über das Muskelgedächtnis (Nervenbahnen) neue Erkenntnisse gewonnen. Unter anderem ist die Erziehung der Sinne die Voraussetzung für das Lernen, z. B. zur Förderung des mathematischen Geistes. Über die Schulung der Sinne wachsen die Kinder in das Verständnis von Formen, Körpern, Größen und Mengen hinein und bekommen so im praktischen Tun mathematische Vorerfahrungen.

Schulung der Sinne bedeutet eine Übung im differenzierten Empfinden, da sie mit Hilfe der Sprache die Wahrnehmung stärkt und damit auch ein Weg zur Entwicklung und Förderung der Kognition (= Wahrnehmung) ist.

Beim Sinnesmaterial handelt es sich um Gruppen von Gegenständen, die nach bestimmten Kriterien gestaltet sind und die jeweils eine besondere physikalische Eigenschaft wie Farbe, Form, Größe, Gewicht, Beschaffenheit, z. B. Rauheit, Wärme, Geruch u. a., erfahrbar machen.

Die jeweilige Eigenschaft ist abgestuft, und zwar so, dass sich der Unterschied von einem Gegenstand zum anderen gleichmäßig verändert und - wenn möglich - mathematisch festzulegen ist. Dazu ist es notwendig, dass die Gegenstände einer Gruppe untereinander völlig gleich sind bis auf die Eigenschaft, die herausgestellt werden soll. Zum Beispiel werden die roten Stangen von der 1. bis zur 10. Stange gleichmäßig immer 10 cm länger. 

Das Erfassen dieser isolierten Schwierigkeit ist das "direkte Ziel", das im Umgang mit dem Material vermittelt werden soll. Daneben gibt es eine Reihe weiterer indirekter Ziele, die Basisfähigkeiten wie Taktilität, Propriorezeption und damit Kinästhesie, Sehen und Hören und die Fähigkeiten, die darauf aufbauen, mit beeinflussen.

Sprachmaterial

Das Sprachmaterial ist gegliedert in das Material des Spracherwerbs, des Schreiben- und des Lesenlernens.

Abb.: Arbeit mit dem Sprachmaterial: Sandpapierbuchstaben (rot: Selbstlaute, blau: Mitlaute) als visuelle Übertragungshilfe für Schreibschriftübungen im Sand

Es werden reale und verkleinerte Gegenstände und Bildkarten zur Einführung neuer Wörter eingesetzt. Anhand von Ober- und Unterbegriffen wird dem Kind eine strukturierte Wortschatzerweiterung ermöglicht. Wieder ist es erst konkretes Material, das dem Kind den Zugang zur Sprache mit Hilfe von Sinneswahrnehmungen, v. a. taktil und visuell, erleichtert. Berücksichtigt wird dabei, dass das Kind erst ihm bekannte und vertraute Gegenstände und Bildkarten aus seinem unmittelbaren Lebensbereich vorfindet und so leichter die damit verbundenen Worte assoziieren kann.

Um Ausspracheschwierigkeiten vorzubeugen, sucht man nach Materialien mit lautgerechten Wörtern (z. B. Hund, Hase, Igel). Das Material wird allmählich mit unbekannten Gegenständen und Bildkarten erweitert.

Phonogramme wie "ST" oder "SCH" können je nach Schwierigkeit isoliert mit entsprechend ausgewähltem Material dargeboten werden. Es bieten sich auch Materialien mit ähnlich klingenden Buchstaben wie B - P oder G - K zur Schulung der phonematischen Differenzierung an. So genannte Lautspiele (Gegenstände und Bilder z. B. zu Worten mit R am Anfang, in der Mitte, am Ende) bereichern das Sprachmaterialangebot und trainieren gezielt die richtige Buchstabenartikulation. Sie fördern verbal-auditive Leistungen.

Zum Erwerb des Schreibens werden Sandpapierbuchstaben eingesetzt. Bei den Sandpapierbuchstaben erfasst das Kind die Buchstaben auf dreifache Weise: optisch durch das Sehen, taktil durch das Fühlen und akustisch durch das Benennen. Zum Erwerb des Lesens wird das bewegliche Alphabet eingesetzt. Das Kind kann sich dazu eigene Wörter einfallen lassen.

Mathematikmaterial

Das Mathematikmaterial dient dem Erwerb der Mengen, der Symbole, der Kombination beider, des Dezimalsystems, des linearen Zählens, der vier Grundrechenarten, des Potenzrechnens, der Geometrie und des Bruchrechnens.

Abb.: Arbeit mit dem Mathematikmaterial: nummerische Stangen und Ziffern zur Verbindung von Menge und Symbol für den Zahlenraum 1–10

Konkretes Material sind hierfür rot-blaue Stangen, Spindelkästen, Zahlen und Chips, das goldene und bunte Perlenmaterial, Flächen und Körper. Unter anderem wird beim Schulkind mit Hilfe des konkrekten Perlenmaterials das Vorstellungsvermögen verbessert. Das Kind erfährt als Erstes die Menge anhand von Perlen (eine Perle = Einer, Zehnerperlenstange = Zehner, hundert Perlen zum Quadrat = Hunderter, tausend Perlen zum Kubus = Tausender). Anschließend kommt das Symbol in Form von Zahlenkarten dazu. Es werden Strategien entwickelt, um Aufgaben zu strukturieren und übersichtlicher zu gestalten und damit Erfahrungslücken aus frühester Kindheit aufzuarbeiten.

Das Mathematikmaterial hat seinen eigenen Wortschatz. In Verbindung mit spezifischen Tätigkeiten wie Vergleichen, Serien bilden, Klassifizieren, Ordnen, Messen, Rhythmisieren und Zählen bleibt auch innerhalb des mathematischen Geistes das Wort nicht nur abstrakte Idee.

Kosmisches Material

Das kosmische Material beinhaltet Materialien zu Erdkunde, Biologie und Geschichte. Beispiele hierfür sind Globusse, Landkarten und Saurier.

Abb.: Arbeit mit kosmischem Material aus dem Bereich der Geschichte: Saurier werden im Linsenbad taktil unterschieden

Das Kind entdeckt z. B. bei einem Waldspaziergang "mit offenen Augen" die Welt, die Vielfalt des Lebens und dessen Entstehungsgeschichte. Im Erkennen logischer Zusammenhänge vergrößern sich sein Allgemeinwissen und sein Allgemeinverständnis, was im Wortschatz und in der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit deutlich wird.

Bei jeder Materialarbeit werden Konzentration, Aufmerksamkeit, Ausdauer, Spielund Regelverhalten und somit Sozialverhalten gefördert.

Die Therapeutenrolle

Entscheidend für den Therapieerfolg ist im Besonderen die Rolle des Therapeuten.

Zum Therapieeinstieg gehört der Beziehungsaufbau. Die soziale Zuwendung zum Kind, d. h. das Kind und nicht die Behinderung im Vordergrund zu sehen, soll die Persönlichkeitsebene über die Leistungsebene stellen.

Der Therapeut möchte an die Stärken des Kindes anknüpfen, sie weiter stärken, die Schwächen mildern und beides miteinander in Einklang bringen. 

Er muss dem Kind helfen, die eigenen Möglichkeiten wahrzunehmen, und die Suche nach einem Weg dorthin anbieten. Ein Therapieerfolg darf und kann nicht abhängig sein von der "Heilung des Patienten". So muss auch gelernt werden, manche Störungen oder Schädigungen zu akzeptieren und mit ihnen zu leben.

Es ist natürlich, dass jedes Individuum Stärken und Schwächen hat. Eine Atmosphäre des Vertrauens und gegenseitigen Achtens, in der auch Gefühlsregungen aus dem sozialen Umfeld wahrgenommen werden, gehört zu einer befriedigenden Zusammenarbeit.

Während des Therapieverlaufs wird der Kontakt zum sozialen Umfeld des Kindes nach Wunsch der Bezugsperson ausgebaut. Man sucht Einblick in den kindlichen Lebensbereich, z. B. über Hausbesuch, Kennenlernen aller Familienmitglieder und Kontaktaufbau zu evtl. anderen Therapeuten, Kindergarten oder Schule in Form von Hospitationen.



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