Ambulante Physiotherapie im Zentrum für Kinder und Jugendliche

Die krankengymnastische (= physiotherapeutische) Abteilung des Zentrums für Kinder und Jugendliche in Altötting behandelt auch ambulant Patienten mit den verschiedensten Krankheitsbildern von der Geburt bis in das Erwachsenenalter.

Im Mittelpunkt steht das Kind als Individuum. Die Physiotherapie ist stets bestrebt, das Kind ganzheitlich, d. h. als Einheit aus Körper, Seele und Geist zu behandeln. Die Arbeit erfolgt interdisziplinär im Austausch mit Ärzten, anderen Therapeuten und sozialen Einrichtungen. Das psychosoziale Umfeld des Kindes, Familie, Kindergarten und Schule, wird mit einbezogen.

Ein wichtiger Bestandteil ist somit die Anleitung der Eltern zu einer altersgerechten motorischen und psychosozialen Förderung ihres Kindes. Physiotherapie in diesem Sinn heißt nicht, einmal wöchentlich einen Behandlungstermin wahrzunehmen, sondern das dort Gesehene und Erlernte im Alltag umzusetzen. Dies beginnt z. B. beim richtigen Tragen des Kindes im Sinne eines "Handlings".

Abb.: Das richtige Tragen eines Kindes

Zur Anwendung kommen verschiedene Behandlungstechniken, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Neurophysiologische Behandlung nach Bobath

In der Behandlung von Menschen mit neurologischer Störung ist das BobathKonzept eines der verbreitetsten Therapiekonzepte. Es basiert einerseits auf neurophysiologischer Grundlage, geht andererseits aber von einem Ansatz aus, der den Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit einbezieht. Dies bedingt eine enge Zusammenarbeit der beteiligten Fachdisziplinen mit den Angehörigen und den Betroffenen selbst.

Entwickelt wurde das Konzept in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts vom Ehepaar Berta (Physiotherapeutin) und Karel (Entwicklungsneurologe) Bobath für die Behandlung von Erwachsenen und Kindern mit neurologischen Auffälligkeiten. Ausgehend von einem physiotherapeutischen Ansatz auf neurophysiologischer Grundlage erweiterte sich die Therapie in den 50er und 60er Jahren auf die Ergotherapie und Logopädie. Dadurch entstand ein heute noch gültiges interdisziplinäres Konzept, das sich fortlaufend weiter entwickelt.

Anwendung findet dieses Therapiekonzept bei Kindern und Jugendlichen mit angeborenen und erworbenen Störungen des zentralen Nervensystems, Auffälligkeiten im Bereich der Wahrnehmung (Sensomotorik), bei Defiziten im Bereich der geistigen Entwicklung und bei neurologischen Erkrankungen. Der Patient steht im Mittelpunkt der Behandlung.

Ziel der Therapie ist die Förderung der kindlichen Gesamtentwicklung mit folgenden Schwerpunkten:

  • Erarbeiten von größtmöglichen Fähigkeiten und Fertigkeiten
  • Erreichen und Erweiterung von Handlungskompetenzen
  • größtmögliche Selbständigkeit im Lebensalltag
  • günstige Voraussetzungen schaffen für eine weitere positive Entwicklung auf allen Ebenen (Umfeldgestaltung)
  • Anleitung der Eltern: Hilfe zur Selbsthilfe
  • Interaktion: Mutter-Vater-KindBeziehung

Im Unterschied zu anderen Therapiekonzepten werden keine standardisierten Übungen durchgeführt, sondern im Vordergrund stehen individuelle, alltagsrelevante therapeutische Aktivitäten, die zum Experimentieren und Entwickeln eigener Strategien anregen. Wesentlicher Bestandteil dabei ist die Aktivierung der zentralen Wachheit und Aufmerksamkeit der Patienten. Informationen wie Berühren und Bewegen, aber auch Anregungen im akustischen, optischen sowie auch im Geruchs- und Geschmacksbereich werden gezielt ausgesucht und angeboten.

Abb. 25.6 Erleichterung des selbständigen Drehens durch verschiedene Reize

Handlungskompetenz kann sich nur dann entwickeln, wenn das Kind für sich selbst sinnvolle Ziele verfolgen kann und alle Aktivitäten individuell seinem Entwicklungsstand entsprechen. Die dafür nötigen Anregungen erhält es durch das Erlernen therapeutischer Techniken. Die Eltern sind angehalten, die Therapieinhalte in ihren 24-Stunden-Alltag zu integrieren.

Neurophysiologische Behandlung nach Vojta

Die Vojtatherapie nimmt auf das Zentralnervensystem, das Gehirn Einfluss. Ein angeborenes reflektorisches Bewegungsund Haltungsmuster wird mittels genau definierter Ausgangsstellungen und Reizpunkte abgerufen.

Abb.: Druckpunkt der Phase 1 bei Vojta-Behandlung zur Vorbereitung des Reflexumdrehens

Die Reaktion ist ein motorisches Bewegungs- und Haltungsmuster, das alle Sequenzen der idealen motorischen Entwicklung im ersten Lebensjahr beinhaltet. Dieses provozierte, ganzheitliche Bewegungs- und Haltungsmuster weckt motorische Fähigkeiten, die teilweise blockiert oder von Ersatzmustern überlagert waren. Zum Beispiel wird das "Reflexkriechen" durch Druckpunkte geübt.

Abb.: Druckpunkt zur Vorbereitung des Reflexkriechens

Die neurophysiologische Behandlung nach Vaclav Vojta findet ihren Einsatz bei Kindern mit unterschiedlichsten Krankheitsbildern, zum Beispiel bei motorischer Entwicklungsretardierung, zentraler Koordinationsstörung oder bei Körperbehinderungen (Cerebralparese).

Die Vojtatherapie sollte im Idealfall in den ersten drei Lebensmonaten beginnen, auf alle Fälle so bald als möglich zum Einsatz kommen. Die Behandlung wird von den Eltern mehrmals täglich zu Hause durchgeführt, der Therapeut hat anleitende, korrigierende und überwachende Funktion.

Psychomotorik

Psychomotorik ist charakterisiert durch eine wechselseitige Beeinflussung von Bewegung, Wahrnehmung, Verhalten und Selbsterleben. Sie zielt auf die ganzheitliche Förderung der Persönlichkeitsentwicklung. Vielfältige Handlungsmöglichkeiten sollen helfen, sich in seinem Körper intensiver wahrzunehmen, zu erleben, mit ihm umzugehen und damit sein Selbstbewusstsein zu fördern. Die Psychomotorik hilft, seine Umwelt über verschiedene Sinne differenzierter zu erfahren, sich in ihr zu orientieren und angemessen zu handeln, und außerdem sein soziales Umfeld in seiner Vielfalt kennen zu lernen und mit und in ihm entsprechend zu kommunizieren und zu handeln.

Kinder und Jugendliche, die in ihrer motorischen Entwicklung verzögert oder beeinträchtigt sind, bekommen Gelegenheit zu intensiven Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen. Andere, die Probleme beim Kontaktknüpfen bzw. -halten haben, lernen in einer Gruppe, Aufgaben zu erarbeiten, zu erleben und auf den anderen angewiesen zu sein bzw. anderen helfen zu können. Im Vordergrund stehen Bewegung, Wahrnehmung, Erlebnis, Spiel und Lernen.

Abb.: Bewegungsparcours zur Förderung der Körperkoordination

Die Psychomotorik ist eine in der Gruppen oder in einer Einzelsituation angewandte Behandlungsform in der Physiotherapie. Die Gruppen werden im SPZ Inn-Salzach in verschiedene Fachgruppen eingeteilt. Die verschiedenen Altersgruppen, von Kindergartenkindern bis hin zu Jugendlichen, teilen sich jeweils zwei Fachkräfte (Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Sozialpädagogen). Die Stunde ist in verschiedene Teile gegliedert. In der Einzelsituation wird verstärkt an der Körperkoordination und der Wahrnehmung gearbeitet. In der Psychomotorik steht eine vielfältige Auswahl an Materialien zu Verfügung (Alltagsmaterialien, z. B. Zeitungspapier, Bierdeckel etc., und Kriechtunnel, Langbank, Bälle, Schwungtuch usw.)

Manuelle Therapie

Die manuelle Therapie ist eine Technik zur Behandlung von reversiblen (auflösbaren) Funktionsstörungen am Haltungs- und Bewegungsapparat. Der Physiotherapeut bewegt die Gelenke behutsam in ihrer eingeschränkten Funktionsrichtung. Durch langsames Auseinanderziehen (Traktion) und Bewegen der Gelenkpartner sollen das Gelenkspiel wiederhergestellt und eine bestehende Bewegungsbehinderung gelöst werden.

Abb.: Manuelle Therapie zum Erhalt der Muskelfunktion bei einem Kind, das wegen einer Hüfterkrankung mehrere Monate nicht laufen darf

Mit der manuellen Therapie steht dem Physiotherapeuten eine effektive und meist schmerzfreie Behandlungstechnik zur Verfügung, Funktionsstörungen aller Gelenke zu beeinflussen.

Castillo-Morales-Therapie

Die Castillo-Morales-Therapie stellt ein umfassendes, neurophysiologisch orientiertes Therapiekonzept für Kinder und Erwachsene mit kommunikativen, sensomotorischen und orofazialen Störungen dar.

Die Schwerpunkte des Konzeptes sind:

  • Neuromotorische Entwicklungstherapie (N.E.T.)
  • Orofaziale Regulationstherapie (O.R.T.)

Die N.E.T. ist ein Behandlungskonzept für Kinder mit genetischen Syndromen und Muskelhypotonie, mit verlangsamter sensomotorischer Entwicklung und zentralmotorischen Störungen sowie mit neuromuskulären Erkrankungen. Die Therapie orientiert sich an der normalen sensomotorischen Entwicklung des Kindes. Es wird intensiv an der Stützfunktion der Füße gearbeitet.

Die O.R.T. wird bei Kindern mit sensomotorischen Störungen im Bereich des Gesichtes sowie des Mundes und Rachens angewandt.

Abb.: Prof. Castillo Morales bei der mundmotorischen Untersuchung eines sprachentwicklungsverzögerten Kindes

Sie ist besonders geeignet für die Behandlung von Saug-, Schluck-, Kau- und Sprechproblemen.

Durch die Stimulation bestimmter Bereiche im Gesicht, am Mund und im Mundinnenraum werden die sensomotorischen Bewegungsabläufe der mimischen Zungen-, Kau- und Schluckmuskulatur verbessert und die Atmung positiv beeinflusst.

Atemtherapie

Die Atemtherapie wird vor allem bei kindlichem Asthma und Mukoviszidose eingesetzt. Ziel der Atemtherapie bei chronisch erkrankten Kindern und Jugendlichen ist das Erreichen bzw. Erhalten des bestmöglichen Lungenzustandes in Ergänzung zur medikamentösen Behandlung.

Physiotherapeutische Maßnahmen zur Verbesserung der Atemsituation sind Atemerleichterungen durch therapeutische Körperstellungen, in denen die Kinder spezielle Atemtechniken ausführen wie z. B. das lange Ausatmen bei locker aufeinander gelegten Lippen (= Lippenbremse). Um das tief in den Lungenbläschen vorhandene Sekret zu mobilisieren, werden in unterschiedlichen Lagerungen (z. B. Dehnungslagerung) manuelle Techniken, Vibration oder Schüttelungen von der Therapeutin ausgeführt. Damit auch die Skelettmuskulatur aktiv und ihre Ausdauer erhalten bleibt, sollten die Kinder regelmäßig Sport und Gymnastik zum Erhalt der Brustmuskulatur ausüben.

Ein weiterer Schwerpunkt in der Atemtherapie mit chronisch erkrankten Kindern ist das Erlernen des alltäglichen Einschätzens der körperlichen Verfassung. Das Peak-Flow-Meter (ein Lungenfunktionsmessgerät) hilft dabei, seine eigene Einschätzung zu kontrollieren. Das tägliche Inhalieren ermöglicht dem Kind, leistungsfähiger zu sein. Auch die Eltern werden über den Umgang mit dem Patienten und seiner Krankheit informiert und angeleitet.

Funktionelle Bewegungslehre (Klein-Vogelbach)

Die funktionelle Bewegungslehre vermittelt eine Technik der Beobachtung von Statik und Bewegung des Menschen. Sie besteht in didaktischer Bewegungserziehung und Funktionsschulung einerseits und in der Anwendung manueller Techniken andererseits.

Funktionelle bewegungstherapeutische Übungen sind zweckmäßig erdachte und geplante Bewegungsabläufe oder Aktivitätsveränderungen, die ein funktionelles Defizit im Bewegungsverhalten so abgrenzen, dass Ausweichmechanismen vermieden werden und die angestrebte Funktion eindeutig stimuliert erfolgen muss.

Abb.: Frosch – symmetrische Ganzkörperübung bei der funktionellen Bewegungslehre

Konduktive Förderung nach Petö

Die konduktive Förderung ist eine Therapie für Kinder mit Bewegungs- und Entwicklungsverzögerungen. Therapie und Pädagogik werden als Einheit betrachtet. Die Methode stammt aus Ungarn und sammelt bereits seit den 50er Jahren auf internationaler Ebene Erfahrungen.

Der Therapieplan beinhaltet neben grobund feinmotorischen Übungen auch Übungsreihen zur Verbesserung der Kognition, der Sprache und der Wahrnehmung. Stehen, Gehen, Laufen und Sprechen fördern die sog. Konduktoren (conducere = zusammenfließen) gleichzeitig. Die Koordination, deren sichtbares Zeichen die Bewegung ist, verbessert sich durch die geistige Weiterentwicklung und den Aufbau der Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit.

Die konduktive Förderung ist eine Gruppentherapie (in Blocktherapie oder in Form eines Kindergartens bzw. einer Schule), bei der Kinder innerhalb heterogener Gruppen in möglichst homogenen Einheiten behandelt werden. Der Konduktor erarbeitet für jedes Kind individuelle Ziele und Inhalte. Zusammenführend sind dabei auch die Methoden: Musische Gestaltung, Tanz, rhythmisches Sprechen, Literatur, Malen und Basteln.

Ziel ist es, eine den individuellen Entwicklungsmöglichkeiten angemessene größtmögliche Selbständigkeit zu erreichen und auf diese Weise die bestmögliche Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen

Craniosakrale Therapie

Die craniosacrale Therapie nach John Upleger ist eine sanfte manuelle Entspannungsund Bewegungstherapie. Im Mittelpunkt steht der craniosacrale Rhythmus, das Pulsieren der Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit. Mit minimalen Bewegungen unter einem Druck von 5 bis 10 Gramm versucht der Physiotherapeut Asymmetrien, Hindernisse und Blockaden im Schädel, im Gesicht, im Mundinnenraum, an der gesamten Wirbelsäule, an den Füßen und an den Hirn- und Rückenmarkshäuten sanft und präzise zu lösen. Das Ziel ist, Störungen im muskulären, im ossären (die Knochen betreffend) oder im psychosomatischen Bereich wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. John Upleger formuliert die Grundidee seiner Therapie so: "Der Therapeut setzt in Gang, und der Körper wird sich selbst helfen."

F. M. Alexander-Technik

Die Alexander-Technik ist ein Lernsystem zur Förderung von Wahrnehmung und Körpersteuerung. Sie bildet eine Basis für jegliches Lernen. Ihr Ziel ist eine Verbesserung der Bewegungskoordination. Wert gelegt wird auf stärkere Bewegung, angemessene Körperspannung und klare Körperwahrnehmung sowie spezifische motorische Fertigkeiten.

Die gesamte A.-T. orientiert sich an der "primären Steuerung", also am dynamischen Zusammenspiel von Kopf, Hals und Rumpf und an der Schulung des neuromuskulären Systems.

Orthopädische Hilfsmittel

Kinder mit eingeschränkter Mobilität oder funktionellen Defiziten sind oft nicht in der Lage, ihre Umwelt vollständig zu erforschen und mit ihr zu interagieren, was sich negativ auf ihre emotionale, intellektuelle und körperliche Entwicklung auswirken kann. Behinderte Kinder benötigen nicht nur Bewegungsreize, um unterschiedliche Umgebungen zu erkunden, sondern ebenso, um Bewegung überhaupt zu erfahren.

Orthopädische Hilfsmittel wie z. B. orthopädische Schuhe, Gehhilfen, Rollstühle oder andere Rehabilitationshilfen, die zum Teil auch technisch aufwändig und individuell für den einzelnen Patienten angefertigt werden, erfüllen in der Behandlung behinderter Kinder daher eine wichtige Aufgabe.

Abb.: Rollstuhlanpassung bei einem Schulkind

Dies erfordert einen fachlich interdisziplinären Austausch von Arzt, Orthopädiemechaniker und Physiotherapeuten, wobei die vielen Bedürfnisse des Kindes (und seiner Eltern) im Mittelpunkt stehen.

Laufband

Die Laufbandanalyse ermöglicht ein genaues Bild des Gangmusters eines Patienten. Das Ergebnis wird dokumentiert, analysiert und anschließend in eine Therapie übergeleitet. Ein hoher Wert liegt auch in der Vergleichbarkeit des Gangmusters nach einer gewissen Zeit. Durch die Bildgebung sollen Parameter, die zu einem Gangbild beitragen, bestimmt werden.

Abb.: Der Einsatz des Laufbandes bei einem Patienten mit Zerebralparese

Das Laufband wird unter anderem dazu eingesetzt, das Gangbild vor und nach einer Botulinumtoxininjektion bei Spastikern zu analysieren. Durch Visualisierung der veränderten Motorik hat der Patient bessere Chancen, die neue Bewegungsmöglichkeit in seinen Alltag zu integrieren



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