Physiotherapie auf der pädiatrischen Intensivstation und im Neugeborenenalter

Eine der ersten Erfahrungen, mit der ein Neugeborenes zurechtkommen muss, ist die Anpassung an die neue Umgebung außerhalb des Uterus, die geprägt ist von ganz neuen Reizen, wie z. B. der Schwerkraft, der Helligkeit, dem hohen Geräuschpegel, der fehlenden Begrenzung (fehlender Schutz) und der Temperaturstabilität. Im Gegensatz zum Frühgeborenen verfügt das Termingeborene über ausreichende Körperfunktionen, um sich diesen neuen Bedingungen anzupassen.

Bei Kindern, die zu früh geboren sind, treten häufig Komplikationen auf, die aus der schwierigen Geburtssituation resultieren. Besonders die Lungen, das Gehirn, Körperfunktionen (z. B. die Temperaturregulation) und Muskelaktivität sind bei den oft nur 1000 g und noch leichteren Säuglingen in einem unreifen Zustand und bedürfen besonderer medizinischer und pflegerischer Maßnahmen.

Durch bestimmte Behandlungsmöglichkeiten in der Physiotherapie können mögliche Folgeschäden in ihrem Verlauf günstig beeinflusst oder verhindert werden.

Atemtherapie bei Frühgeborenen

Ziele der Atemtherapie sind, die unreife Atmung zu stabilisieren, eine eigenständige Atmung zu unterstützen, Sekret zu lockern und abzutransportieren, die Ventilation zu verbessern und pulmonale Komplikationen wie Lungenentzündungen vorbeugend positiv zu beeinflussen. Zu den Maßnahmen gehören die Kontaktatmung, die durch Hautkontakt die Atmung in verschiedene Lungenanteile lenkt, Vibrationen zur Sekretlockerung und angepasste Lagerung zur Belüftung der unterschiedlichen Lungenabschnitte.

Abb.: Atemtherapie bei Frühgeborenen

Förderung der Eigenwahrnehmung

Um das Kind in seiner körperlichen und neurologischen Reifung zu unterstützen, will man in der Physiotherapie dem Kind einzelne Sinneseindrücke, die normal in den letzten Schwangerschaftswochen im Mutterleib durch die Enge vermittelt werden, weiter vermitteln.

So steigern taktile Reize wie z. B. Streicheln den Muskeltonus und induzieren Spontanbewegungen. Bei Normalgeborenen wird die Selbstwahrnehmung durch die Enge der Uteruswand, an der sich das Ungeborene abstößt und verschiedene Bewegungen schon ausprobiert, stimuliert, und dadurch und durch die Bewegungen der Mutter wird schon vor der Geburt der Gleichgewichtssinn angeregt.

Die Therapeutin hat also durch richtige Lagerung, aber auch durch Handling und Behandlung die Aufgabe, diese Defizite individuell zu erkennen und nach Möglichkeit auszugleichen, wobei es sehr wichtig ist, die Eltern mit in die Therapie einzubinden und ihnen dieses Handling – den entsprechenden Umgang mit dem Kind – für den Alltag zu Hause zu vermitteln.

Viele Frühgeborene haben aber auch erhebliche koordinative Schwächen im mundmotorischen Bereich. Viele Kinder sind zu schwach, ihre Nahrung selbständig aufzunehmen, so dass man die Therapie vor die Mahlzeiten legt und dann durch spezielle Griffe versucht, die mimische Muskulatur anzuregen.

Das Neugeborene

Aufgrund der Lage im Mutterleib kann es beim Neugeborenen zu verschiedenen Abweichungen des Bewegungssystems kommen. Zu nennen sind: Muskulärer Schiefhals, Hüftdysplasien, aber auch verschiedene Fußfehlbildungen wie z. B. Klump- oder Sichelfuß.

Bei diesen Krankheitsbildern, die auch in Kombination auftreten können, ist es wichtig dem Kind seine Körpersymmetrie zu vermitteln, was durch richtig angeleitete Lagerung und richtiges Handling geschieht. Zudem aktiviert die Physiotherapeutin bei ihrer Behandlung die muskulären Strukturen, die Defizite aufweisen, um ein muskuläres Gleichgewicht zu erarbeiten.

Die Eltern werden angeleitet, zu Hause das Übungsprogramm regelmäßig fortzuführen, damit das Kind keine bleibende Beeinträchtigung in seiner sensomotorischen Entwicklung erfährt.

Handling

Alles, was an Bewegungen und Berührungen im täglichen Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern geschieht, wird als Handling bezeichnet. Durch gezielte sensorische und taktile Reizsetzung soll das Kind zu eigenen Bewegungen aktiviert werden und so durch die Bewegungserfahrung zu selbständigen Handlungen fähig werden. Diese therapeutischen Handhabungen sollen regelmäßig auch zu Hause durchgeführt werden.

Handling umfasst bei Säuglingen und Kindern folgende Situationen:

  • Hochheben und Hinlegen
  • Wickeln sowie An- und Ausziehen
  • Tragen
  • Nahrungsaufnahme
  • Lagern
  • Spielen

Die Therapeutin beginnt beim aktuellen Entwicklungsstand und macht so den Weg zu einer normalen Entwicklung frei. Dazu gehören Spiele mit dem Kind auf dem Schoß der Therapeutin.

Abb.: Stimulation des Kindes durch Spielen auf dem Schoß und Aufbau des Blickkontaktes

Es wird nicht nur "Gymnastik" mit dem Kind gemacht, sondern das Kind wird in seiner gesamten Entwicklung erfasst und gefördert. Nach dem Krabbeln, Sitzen, Laufen werden auch das Greifen, das Sprechen und die Aufmerksamkeit des Kindes beachtet.

Das Baby soll in seinen Bewegungen selbständig werden, sich drehen können, greifen, sich selbst erfahren, sich freuen.

Lagerung in Inkubator und Bett

Eine wesentliche Bedeutung kommt der Lagerung zu. Durch sie wird eine Abgrenzung geschaffen, die Sicherheit vermittelt, wie sie das Kind vor der Geburt erlebt hat. Um dem Kind die Erfahrung über seinen eigenen Körper zu vermitteln (wo sind meine Hände, wo sind meine Füße?), legen wir das Baby in ein Nestchen, gemacht aus einem festen Handtuch oder mit Hilfe eines Spezialkissens. Widerstände gegen die Bewegungen der Arme und Beine des Kindes wirken sich fördernd auf die Eigenwahrnehmung aus.

Der Gleichgewichtssinn kann durch Schaukelbewegungen gefördert werden. Dabei hält man das Kind entweder in den eigenen Händen oder in einem Tuch bzw. Schutzkittel. Bei beatmeten Kindern können geführte Bewegungen des Körpers (Rotationsbewegungen des Rumpfes) den Gleichgewichtssinn stimulieren.

Armplexusparese

Die häufigste Nervenschädigung bei Neugeborenen ist eine Schädigung der oberen Nervenwurzeln im Bereich der Wirbelsäule, was meist durch eine Zerrung am Arm beim Geburtsvorgang oder als Folge der Geburt einer Beckenendlage verursacht wird.

Neben einer gelenkschonenden Lagerung spielt die Physiotherapie bei der konservativen Behandlung eine wichtige Rolle. Die Eltern werden angeleitet, wie sie ihr Kind tragen und stimulieren sollen, um es bei seiner Genesung zu unterstützen. Außerdem werden in den Behandlungseinheiten aktive und passive Gelenkbewegungsübungen erarbeitet und die mögliche Über- oder auch Unterempfindlichkeit bei Berührung wird durch verschiedene Reize wie z. B. Bürsten oder verschiedene Stoffe reguliert.



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