Welche Krankheiten werden in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt?

Neben den Patienten mit einer Aufmerksamkeitsstörung und den Störungen im Sozialverhalten werden auch Patienten mit Angst- und Zwangserkrankungen, Ticstörungen und Psychosen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt. Dazu kommen traumatisierte Patienten, Mädchen und Jungen mit selbstverletzendem Verhalten, Persönlichkeits- oder Essstörungen in die Sprechstunde eines Kinder und Jugendpsychiaters. Das Behandlungsspektrum der Kinder- und Jugendpsychiatrie umfasst außerdem Regulationsstörungen im Säuglingsalter, Entwicklungsstörungen, Bindungsprobleme, Autismus und Suchtverhalten der verschiedensten Formen und Verhaltensauffälligkeiten bei geistig behinderten Patienten.

Im Folgenden finden Sie eine kurze Beschreibung einiger häufiger Krankheitsbilder und Störungsmuster, die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt werden:

Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom

mit und ohne Hyperaktivität, auch unter dem Namen Hyperkinetisches Syndrom bekannt. Typischerweise gehört hierzu – wie der Name schon sagt – ein Mangel an Aufmerksamkeit, der sich vor allem in Situationen äußert, die "fremdgestellt" sind. Dies bedeutet, dass sich der Betroffene eine bestimmte Tätigkeit nicht selbst ausgesucht hat, sondern von anderen Personen aufgetragen bekommt. Dies passiert regelmäßig in der Schule und z. B. auch, wenn Ihr Kind Hausaufgaben macht. Hyperaktivität äußert sich in einem – im Vergleich zum Lebensalter – überdurchschnittlich hohen Bewegungsdrang. Impulsivität heißt, dass oft nicht nachgedacht wird, bevor etwas getan wird, sozusagen der zweite Schritt vor dem ersten gemacht wird. Dadurch bringen sich die Kinder und Jugendlichen u.a. überdurchschnittlich häufig in gefährliche Situationen. Bei beiden Unterformen – mit und ohne Hyperaktivität – kann es zu einer Störung im Sozialverhalten kommen. Darunter versteht man, dass die Kinder Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen haben, keine Freunde finden. Oftmals sind sie auch im Zusammensein mit Erwachsenen in ihrem Verhalten auffällig, z.B. respektlos oder aggressiv.

Depression:

Obwohl man annimmt, dass es genauso viele depressive wie hyperkinetische Kinder gibt, werden sie viel seltener dem Arzt vorgestellt. Ursache ist oft, dass diese Patienten nicht so oft in Konflikte mit ihren Mitmenschen verwickelt sind. Die Symptome weichen häufig von denen bei Erwachsenen ab; je jünger das Kind ist, desto stärker. Die Kinder haben meist eine schlechte Meinung von sich selbst oder fühlen sich anderen gegenüber benachteiligt. Manche werden durch Kopf- und Bauchschmerzen auffällig, ohne dass eine organische Ursache gefunden werden kann. Es gibt Kinder, die schlecht schlafen oder deren Appetit sich im Vergleich zu früheren Zeiten verändert hat. Manchen ist die Lebensfreude verloren gegangen, andere lassen in ihren schulischen Leistungen nach, ohne dass dafür ein äußerlich erkennbarer Grund zu finden ist.

7.1.3 Essstörungen:

Am häufigsten tritt hier ohne Frage das Übergewicht auf.Allerdings heißt das nicht, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt werden müssen. Hier ist immer zu berücksichtigen, wie das Kind in seinem Leben und mit seiner Umwelt zurechtkommt. Sollte das Übergewicht aber Ausdruck von seelischem Kummer oder Essen die einzig mögliche Reaktion auf Frust sein, dann kann es sinnvoll sein, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Meist behandlungsbedürftig sind dagegen untergewichtige Patienten. Sicher gibt es von Haus aus sehr schlanke Mädchen und Jungen. Trotzdem sind das Essverhalten und die Einstellung des Kindes zu seinem Körper zu beobachten.

Außerdem ist zu klären, ob das Kind versucht weiter abzunehmen, z. B. sehr viel Sport treibt oder absichtlich erbricht. Im Zweifelsfall ist es besser, frühzeitig einen Fachmann zu Rate zu ziehen. Dieser kann abklären, ob es sich um eine Magersucht handelt (Anorexie). Diese Krankheit wurde früher nur bei Mädchen beobachtet.

Abb.: Anorexia nervosa - Magersucht eines 12-jährigen Mädchens

Inzwischen gibt es aber auch Jungen, die betroffen sind. Bei dieser Krankheit haben die Patienten das Gefühl, zu dick zu sein, obwohl sie bereits extrem schlank sind. Bei einer anderen Essstörung nehmen die Patienten riesige Mengen an Nahrungsmitteln in kurzer Zeit auf und erbrechen sich anschließend. Im Deutschen wird diese Krankheit passend auch als "Fress- und Kotzsucht" bezeichnet, der medizinische Name lautet Bulimie.

Verhaltensauffälligkeiten:

Sie sind keine Krankheit oder Störung im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr der Oberbegriff für eine Vielzahl von Symptomen wie sprachliche oder körperliche Gewalt, Schwierigkeiten mit anderen Menschen, insbesondere Erwachsenen, oft aber auch Gleichaltrigen, manchmal Lügen oder Stehlen. Aber auch Abkapseln von der Umgebung, Rückzug von früheren Interessen können dazu zählen. In der Regel gibt es nicht nur eine Ursache für Verhaltensauffälligkeiten, sondern mehrere Faktoren spielen für deren Entstehen und Weiterbestehen eine Rolle. Oftmals verstecken sich hinter so genannten Verhaltensauffälligkeiten andere Schwierigkeiten.

Häufig besteht eine Über- oder Unterforderung in der Schule, ebenso können Teilleistungsstörungen Verhaltensauffälligkeiten zur Folge haben. Bei manchen Kindern wurde eine Aufmerksamkeitsstörung nicht entdeckt, bei anderen eine Depression oder Angststörung.

Abb.: Ein Angstpatient schreibt zur Thematik eine Geschichte

Schwierigkeiten im häuslichen Umfeld wie eine problematische Beziehung der Eltern oder Auseinandersetzungen mit Geschwistern haben ebenfalls Einfluss. Trennungen und Stiefelternsituation werden manchmal nur schlecht verkraftet. Bei manchen Kindern spielen körperliche Besonderheiten eine Rolle, z. B. erhebliches Übergewicht oder Stottern, oder aber die Verhaltensauffälligkeiten entwickeln sich vor dem Hintergrund von Hänseleien durch Mitschüler.

Zwangserkrankung:

Harmlose "Verwandte" von zwanghaftem Verhalten kennen fast alle: Wenn noch mal kontrolliert werden muss, ob man wirklich zugeschlossen hat, man zurückfährt, um zu überprüfen, ob man tatsächlich den Stecker vom Bügeleisen aus der Dose gezogen hat, man zum 3. Mal kontrolliert, ob der Wasserhahn abgedreht ist, obwohl man eigentlich ganz sicher weiß, dass man es gerade eben gemacht hat. Patienten mit zwanghaftem Verhalten haben viele Male am Tag das dringende Bedürfnis, eine Handlung zu wiederholen, obwohl sie wissen, dass dies unsinnig ist. Am bekanntesten ist sicher der Waschzwang, bei dem der Patient sich manchmal die Hände blutig wäscht und immer noch das Gefühl hat, schmutzig zu sein.

Weniger bekannt ist, dass es auch Zwangsgedanken gibt. Hier drängen sich dem Patienten wieder und wieder Gedanken auf, oftmals mit unsinnigem oder unmoralischem Inhalt. Sind sie so intensiv, dass der Betroffene darunter leidet oder gar in seinen Alltagshandlungen eingeschränkt ist, bekommen sie Krankheitswert.

Begutachtung:

Ein weiteres wichtiges Gebiet ist die Begutachtung, z. B. bei Sorgerechtsentscheidungen, zur Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage oder zur Schuldfähigkeit bei einem jugendlichen Straftäter.



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