Tageskliniken

Was heißt tagesklinisch genau?

Bei einer tagesklinischen Behandlung wird der Patient morgens auf der Station aufgenommen, durchläuft die Schule in der Klinik, seine Therapie und geht jeden Abend wieder nach Hause. In der Tagesklinik Altötting werden wir die Patienten um 7.45 Uhr aufnehmen und um 17.00  Uhr nach Hause entlassen. Am Wochenende und an Feiertagen bleiben die Kinder und Jugendlichen zu Hause.

Abb.: Neben der Vielzahl der Therapien bleibt zum Spielen immer zu wenig Zeit

Für die Ferienzeit gilt dies nicht. Auch während der offiziellen Schulferien wird die Behandlung bei uns stattfinden. Weil die Erfahrung aber gezeigt hat, dass es bestimmte Zeiten gibt, in denen die Kinder sich nur schwer auf eine Therapie einlassen, wird es so genannte Betriebsferien geben. So wird zwischen Weihnachten und Neujahr, über Ostern sowie einem Teil der Sommerferien die Einrichtung geschlossen. Dies hat für die Patienten gleichzeitig den Vorteil, dass es nur wenig urlaubsbedingten Ausfall der Therapeuten und Spezialtherapeuten geben wird und die Zeit für die Behandlung auch wirklich genutzt werden kann.

Wie sieht eine Gruppe aus?

In der Tagesklinik werden 2 Gruppen zu je 8 Kindern behandelt. Die Alterszusammensetzung wird sich in Grundschüler, ältere Schulkinder und Jugendliche unterteilen. Mädchen und Jungen werden gemeinsam behandelt. Die Behandlungsdauer beträgt durchschnittlich 10 bis 14 Wochen. Jede Gruppe wird von einem Arzt, einem Psychologen und 4 Krankenschwestern/ Erziehern betreut. Daneben werden Bewegungs-, Musik-, Ergo-, Kunst und Sprachtherapeuten auf der Station tätig werden. Was diese Therapeuten genau machen, das kann in den einzelnen Kapiteln nachgelesen werden (Logopädie, Ergotherapie...). Allerdings gibt es auf der Station eine Besonderheit, doch dazu später mehr. In der Tagesklinik arbeiten außerdem 3 Lehrer und zwei pädagogische Hilfskräfte.

Was ist der Unterschied zu vollstationär?

Bei einer vollstationären Behandlung bleiben die Patienten über Nacht und je nach Konzept auch am Wochenende in der Klinik. Bei schwer Erkrankten wie Jugendlichen mit Psychosen wäre eine Behandlung zu Hause kaum möglich. Bei den anderen Patienten besteht der Vorteil u. a. darin, dass sie ganz aus ihrem bisherigen Umfeld herausgelöst sind und mit Hilfe eines professionellen Teams und gemeinsam mit anderen Patienten einen Neuanfang versuchen. Manchmal ist es für die Behandlung nötig, dass sich ein Kind oder Jugendlicher vorübergehend nicht bei seinen Eltern aufhält, und die räumliche Distanz kann zur Erholung beider Seiten führen. Günstig ist auch, dass der gesamte Tag für die Behandlung zur Verfügung steht.

Diese Vorteile gibt es bei der tagesklinischen Behandlung nicht. Ein wichtiger Unterschied zur vollstationären Behandlung, nämlich die Übernachtung zu Hause, wird es vor allem aber den Eltern leichter machen, sich für eine stationäre Behandlung zu entscheiden, bei denen eine ganz enge Beziehung zu dem Kind besteht. Meist sind es jüngere Kinder, denen die Eltern nicht zumuten wollen, dass sie über Nacht von zu Hause weg sind. Manchmal sind es auch die ängstlichen Kinder und Jugendlichen und gar nicht so selten fällt es vor allem den Eltern schwer, sich von dem Kind zu trennen. Die Tagesklinik hat aber auch für die anderen Patienten einen Vorteil. Das Kind bleibt in seinem gewohnten Umfeld, d. h. die Normalität bleibt weitgehend erhalten, und die Wiedereingliederung nach der Entlassung fällt weniger schwer. Für die Therapeuten der Tagesklinik ist es wichtig, dass ein enger Kontakt zu den Eltern besteht. Durch den täglichen Wechsel zwischen Elternhaus und Klinik bestehen dafür optimale Voraussetzungen.

Für welche Patienten kommt die Tagesklinik nicht in Frage?

Manchmal können die Schwierigkeiten so heftig sein, dass es für die Familie nicht mehr möglich ist, das Kind/den Jugendlichen weiter zu Hause zu betreuen. In diesem Fall werden die Kinder z. B. in die Heckscher Klinik in München eingewiesen.

Dies gilt ganz besonders für selbstmordgefährdete Patienten, für Patienten, die eine Psychose haben und nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Phantasie unterscheiden können, und für sehr aggressive Patienten, die für sich selbst und andere gefährlich sind. Auch für Patienten, die erheblich in ihren intellektuellen Möglichkeiten eingeschränkt sind, ist die Tagesklinik nicht geeignet. Ebenso werden Patienten, bei denen Drogenkonsum eine Rolle spielt, bei uns in der Tagesklinik nicht behandelt werden. Für manche Familien kommt die Tagesklinik auch deswegen nicht in Frage, weil der Fahrtaufwand zu groß ist oder die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen Eltern, Bezugserzieher und Therapeuten, Teilnahme an Elterngruppen die zeitlichen Möglichkeiten der Familie überfordert.

Was sollte bereits im Vorfeld abgeklärt werden?

Im Idealfall sollten ambulant bereits wichtige Fragen abgeklärt sein. Dazu gehören:

  • Gibt es körperliche Ursachen für die Schwierigkeiten? So z. B., ob ein Kind, das "nicht hört", überhaupt hören kann.
  • Die Frage nach der intellektuellen Fähigkeit des Kindes oder Jugendlichen. Über- und Unterforderung sind häufige Ursachen für psychische Auffälligkeiten.
  • Liegen so genannte Teilleistungsschwächen (Lese- und Rechtschreibschwäche, Rechenschwäche) vor?
  • Gibt es Probleme in der Sprachentwicklung?
  • Gibt es fein- und grobmotorische Auffälligkeiten?

Genauso wichtig ist es abzuklären, ob wirklich die gesamte Familie hinter einem tagesklinischen Aufenthalt steht. Sollte dies nicht der Fall sein, wird der Patient sehr schnell die unterschiedlichen Wünsche seiner Eltern bemerken und dies auch jeden Tag ausgesprochen oder unausgesprochen spüren. Der Misserfolg wäre vorprogrammiert.

Ebenso muss abgeklärt werden, ob es der Familie möglich ist, den großen Anforderungen an die Mitarbeit der Familie gerecht zu werden. So muss gewährleistet sein, dass das Kind pünktlich in der Klinik erscheint und von dort abgeholt wird. Die Anbindung an das Schulbussystem wird den Transport in die Klinik gewährleisten, nicht jedoch das pünktliche Aufstehen. Und dies kann bei manchem Kind bereits ein Problem darstellen.

Wer bestimmt, ob das Kind/der Jugendliche in der Tagesklinik behandelt wird?

Die Einweisung muss immer durch einen Arzt erfolgen. Bevor es jedoch zur Einweisung kommt, müssen ambulante Möglichkeiten der Behandlung ausgeschöpft sein. Je älter der Patient ist, desto wichtiger ist die Bereitschaft zur Mitarbeit. Die Familie muss in der Lage sein, die Belastungen einer tagesklinischen Behandlung tragen zu können. Das bedeutet, es muss eine zuverlässige, pünktliche Einhaltung der Hol- und Bringzeiten gewährleistet sein sowie die Teilnahme an Gesprächen mit Therapeuten und Bezugserziehern sowie der Elterngruppe. Die Familie muss sich darüber im Klaren sein, dass die Probleme jeden Abend wieder in der Familie vorhanden sind und nicht von heute auf morgen verschwinden.

Bevor es zu einer Aufnahme in die Klinik kommt, wird sich ein Therapeut der Tagesklinik mit der Familie zusammensetzen und gemeinsam klären, ob diese Therapieform wirklich angebracht ist, sozusagen "Wirkungen und Nebenwirkungen" mit dem Patienten und seinen Angehörigen besprechen. Außerdem muss geklärt werden, in welche Gruppe das Mädchen oder der Junge passt und wann die Aufnahme erfolgen kann.

Was ist die Aufgabe der Eltern?

Die Eltern werden mit Therapeuten und dem zuständigen Erzieher in regelmäßigen Abständen Gespräche haben. Auch bei getrennt lebenden Eltern wird der Therapeut zu beiden Elternteilen Kontakt aufnehmen, unabhängig davon, wie z. B. die Frage nach dem Sorgerecht juristisch gelöst worden ist. Manchmal werden zu diesen Gesprächen auch die Großeltern und Geschwister eingeladen.

In den Gesprächen werden Fragen zur Entwicklung des Kindes gestellt, es wird hinterfragt, ob sich bestimmte Verhaltensmuster in der Familie wiederholen, welche Belastungsfaktoren es gab und gibt, welche Stärken und Schutzfaktoren bestehen. Es wird herausgearbeitet, wo Veränderungen in der Familie notwendig sind, um Behandlungserfolge möglich zu machen oder zu unterstützen. Es wird überprüft, ob zusätzliche Unterstützungen durch andere Helfersysteme, beispielsweise durch besondere Beschulung, Hort oder sozialpädagogische Familienhilfe, benötigt werden. Dabei unterscheiden sich die einzelnen Anteile u. a. nach Besonderheiten des Kindes und der Familie.

In 2-wöchigem Abstand findet eine Elterngruppe statt, an der mindestens ein Elternteil teilnehmen muss. In der Gruppe werden allgemeine Fragestellungen z. B. zu Ursachen der Erkrankung/Störungen besprochen. Aber auch Themen wie Umgang mit Konsequenzen, schulische Fragen, das Für und Wider von Medikamenten werden angesprochen und es besteht die Möglichkeit zum Austausch mit anderen betroffenen Eltern. Selbstverständlich werden auch Heimatschullehrer oder Großeltern gern gesehen.

In Summe bedeutet dies, dass eine Familie eine hohe Bereitschaft zur Mitarbeit haben muss, wenn ein tagesklinischer Aufenthalt gelingen soll.

Gibt es auch Nebenwirkungen?

Auf den ersten Blick mag diese Frage unsinnig klingen, aber so einfach ist es nicht. Manche Kinder haben das Gefühl, von den Eltern abgeschoben zu werden, schuldig gemacht zu werden für eine schwierige Situation zu Hause. Ihre Antwort kann durchaus in einer vorübergehenden Verstärkung der Auffälligkeiten bestehen. Oder eines von mehreren Geschwistern wird aufgenommen; es könnte sich die Frage stellen, ob die anderen Geschwister von den Eltern mehr geliebt werden. Wie wird sich dieses Kind gegenüber seinen Geschwistern und Eltern verhalten? Auf der Station gibt es keine unauffälligen Kinder. So ist immer zu fragen, was das eigene Kind im negativen Sinn von den anderen lernen könnte (und umgekehrt).

Ein weiterer wesentlicher Gesichtspunkt ist oft die Schulproblematik. Auf der einen Seite liegt gerade im schulischen Bereich ein Hauptproblemfeld. Für manche Kinder und Jugendliche ist es nicht mehr möglich, vernünftig im Klassenverband zu lernen. Lehrern fällt es schwer, diese Kinder im Unterricht zu führen, Mitschüler schließen sie aus der Gemeinschaft aus. Manche Mädchen und Jungen reagieren verbal oder körperlich aggressiv, Andere ziehen sich zurück und verkümmern regelrecht.

Auf der anderen Seite bedeutet eine Umschulung – und damit ist die Aufnahme in die Tagesklinik immer verbunden – eine zusätzliche Belastung. Der Stoffumfang wird nicht in vollem Maße dem der Heimatschule entsprechen. Es ist unmöglich, dass genau an dem Punkt in der Klinik weitergearbeitet wird, an dem sich der Schüler in der Heimatschule gerade befunden hat. Gleichzeitig kann in der kleinen Klassengruppe genauer hingeschaut werden, die Diagnostik besser betrieben werden, Veränderungen z. B. beim Einsatz von Medikamenten sehr gut beobachtet werden. Und oft gelingt es in einer kleinen Gruppe viel leichter, den Kindern wieder Spaß am Lernen zu vermitteln. Hier müssen Vorteile und Risiken sorgfältig abgewogen werden.

Und schließlich stellt sich auch die Frage nach der Reaktion der Familienangehörigen, Bekannten, Arbeitskollegen.

Wichtig ist, dass mögliche Nachteile bereits vor der Entscheidung für einen klinischen Aufenthalt berücksichtigt werden und sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. 

Bei der oft nicht leicht zu beantwortenden Frage, ob Ihr Kind in der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt werden sollte oder nicht, wird Ihnen Ihr ambulanter Therapeut zur Seite stehen. Die letzte Entscheidung, ob Ihr Kind dort aufgenommen wird oder nicht, werden Sie zusammen mit dem Therapeuten der Tagesklinik treffen.

Ihr Therapeut hält die Behandlung in der Tagesklinik für notwendig? Sie haben sich gemeinsam mit Ihrer Tochter/Ihrem Sohn für einen tagesklinischen Aufenthalt entschieden? Dann wird es Sie interessieren, wie der Ablauf in der Tagesklinik aussieht.



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