Psychologische Diagnostik

Die psychologische Diagnostik lässt sich in verschiedene Teilbereiche unterscheiden: 

In ihren verschiedenen Entwicklungsstufen begreifen und verstehen Kinder die Welt auf unterschiedliche Art und Weise. Sie erleben ihre Umwelt oft anders als die Erwachsenen und haben andere Bedürfnisse. Diese Unterschiede müssen bei der Lösung von Problemen berücksichtigt werden. Psychologen nutzen ihre Kenntnisse und Erfahrungen aus der Entwicklungspsychologie, um das Verhalten der Kinder und Jugendlichen einzuordnen.

Entwicklungsdiagnostik

Zur genaueren Einschätzung des Entwicklungsstandes und der Fähigkeiten eines Kindes werden standardisierte Testverfahren genutzt.

Standardisiert meint hier, dass die entsprechenden Testaufgaben immer in einer bestimmten Art und Weise vorgegeben werden, um die Vergleichbarkeit mit anderen Kindern gleichen Alters zu gewährleisten. Die damit erzielten Ergebnisse eines Kindes werden mit so genannten Normwerten verglichen, d. h. mit einem Vergleichswert, der dem Durchschnittswert einer bestimmten Anzahl von Kindern in einem bestimmten Alter entspricht. Damit kann eine Aussage darüber gemacht werden, wo die Fähigkeiten eines Kindes in einem bestimmten Bereich im Vergleich zu Gleichaltrigen liegen.

Das Angebot an verschiedenen Testverfahren ist vielfältig. Die Aufgabe des Diagnostikers besteht darin, auf den jeweiligen Fall abgestimmt zu entscheiden, welche Verfahren aus den Bereichen Intelligenzdiagnostik, Wahrnehmungs- und Teilleistungsdiagnostik sowie aus den motorischen Tests zur Klärung der jeweiligen Problemstellung angemessen sind.

Intelligenzdiagnostik

Im Rahmen des diagnostischen Prozesses wird mit den meisten Kindern oder Jugendlichen zunächst ein Intelligenztest durchgeführt, um den Intelligenzquotienten (kurz IQ) zu bestimmen. Obwohl jeder im Alltagsleben eine ungefähre Vorstellung davon hat, was genau "Intelligenz" oder intelligentes Verhalten ausmacht, stellt sich für viele die Frage, welche geistigen Fähigkeiten mittels eines Intelligenztests eigentlich gemessen werden.

"Intelligenz ist das, was der Intelligenztest misst." (Boring, 1923). Diese Aussage ist bei genauerer Betrachtung nicht so sinnlos, wie sie zunächst erscheinen mag. Sie weist vielmehr darauf hin, dass sich in der Psychologie trotz zahlreicher Forschungsarbeiten bis heute keine einheitliche Definition des Begriffs Intelligenz durchsetzen konnte. Dies liegt weniger an der Engstirnigkeit oder dem Unvermögen der in der Forschung tätigen Psychologen, sondern trägt vielmehr dem Umstand Rechnung, dass es sich bei Intelligenz um ein komplexes Konzept handelt, das nicht so leicht einzugrenzen ist. So werden zum Teil bis zu 120 verschiedene Intelligenzdimensionen vorgeschlagen.

Trotz unterschiedlicher Auffassungen zum Konzept der Intelligenz lässt sich ein gemeinsames Merkmal aller Definitionen herausarbeiten. So kann man Intelligenz im Allgemeinen als die Fähigkeit des Menschen beschreiben, sich sinnvoll mit seiner Umwelt auseinander zu setzen und sich auf neue Probleme einzustellen. Der Intelligenztest ermöglicht also eine Orientierung über das Leistungsprofil des Kindes oder Jugendlichen.

Abb.: Intelligenzdiagnostik

Sind die Daten erhoben, ist der nächste Schritt ein Vergleich des individuellen Testwertes mit der so genannten Normstichprobe.

Hierzu werden die Testergebnisse von mehreren Hundert Kindern als Vergleichsdaten herangezogen. Zeigt sich dann, dass bestimmte Fähigkeiten besonders schwach oder stark ausgeprägt sind, so können weitere, spezifische Testverfahren eingesetzt werden, die eine genaue Eingrenzung einzelner Funktionsbereiche vornehmen.

Abb.: Intelligenz-Quotient: Alles im Bereich von 85 bis 115 IQ-Punkten liegt im Durchschnitt. Über 68 % der Bevölkerung liegen in diesem Bereich. Werte unter 85 werden als unterdurchschnittlich, Werte über 115 als überdurchschnittlich betrachtet

Es stellt sich die Frage, welche praktischen und alltagsrelevanten Informationen der Intelligenzquotient dem Diagnostiker liefert. Welche Aussagen lassen sich anhand des IQs treffen? Intelligenztests wurden ursprünglich entwickelt, um über ein möglichst objektives Verfahren zur Auslese von wenig begabten Schülern zu verfügen. Die Wurzeln des Intelligenztests reichen somit bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück, in dem im Zuge der Ausdehnung des Schulunterrichtes erstmalig die Forderung nach der Begabung angemessenen, unterschiedlichen Schulformen laut wurde. Zur Klärung dieser Frage wurde der so genannte Stufentest von Binet entwickelt, der die intellektuellen Fähigkeiten eines Kindes erhob und sie zu den durchschnittlichen Fähigkeiten anderer Kinder des gleichen Alters in Bezug setzte. So konnte eine Aussage über die Eignung eines Kindes für eine bestimmte Schulform getroffen werden. Auch heute noch wird zur Einschätzung einer vorzeitigen Einschulung oder Rückstellung der Intelligenztest herangezogen.

Der IQ darf jedoch nie als alleiniges Entscheidungskriterium herangezogen werden, sondern muss nebenanderen wichtigen Aspekten betrachtet werden.

Der Intelligenzquotient ist relativ stabil, kann sich aber durch Förderung oder bei bestimmten Krankheitsbildern verändern. Daher ist eine regelmäßige Kontrolle sinnvoll. Außerdem muss beachtet werden, dass mittels eines Intelligenztests nie eine punktgenaue Aussage über den IQ getroffen werden kann. Dies liegt daran, dass die Testung durch Faktoren wie die räumliche Situation oder die "Tagesform" des untersuchten Kindes oder Jugendlichen beeinflusst werden kann. Dennoch ist es dem erfahrenen Diagnostiker möglich, die intellektuellen Fähigkeiten relativ sicher einzuschätzen. 

So könnte ein Schüler mit Problemen in Mathematik in einem Intelligenztest ein insgesamt gutes, in dem Teilbereich rechnerischen Denkens aber ein unterdurchschnittliches Ergebnis erzielen. Dieses Resultat ist vor dem Hintergrund des ansonsten guten Testergebnisses folglich nicht auf eine generelle Minderbegabung zurückzuführen. Zur Überprüfung der Hypothese einer Rechenschwäche können dann Testverfahren eingesetzt werden, die ausschließlich zur Erfassung mathematischer Fähigkeiten konstruiert wurden. Auf diese Weise und unter Berücksichtigung des erhobenen Intelligenzquotienten kann sich die Vermutung einer Rechenschwäche dann verdichten oder muss verworfen werden.

Lese- und Rechtschreibdiagnostik

Eine besondere Wertigkeit hat die Testung hinsichtlich Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten. Hier gilt es, echte Lese Rechtschreibstörungen von den vielfältigen anderen medizinischen und psychologischen Ursachen der Schulprobleme zu differenzieren (s. auch Kapitel 18.3.4 – 11.6). Oft werden die Kinder mit derartigen Schwierigkeiten vom zuständigen Schulpsychologen an uns verwiesen, wobei es abzuklären gilt, ob eine "Legasthenie" vorliegt, in der bayerischen "Legasthenie Verordnung" definiert als "umschriebene Entwicklungsstörung der Lese-Rechtschreibfertigkeiten bei normal entwickelter Intelligenz". Auf Grundlage dieses Erlasses kann beim zuständigen Schulpsychologen eine spezifische schulische Förderung und ein Nachteilsausgleich beantragt werden, bei dem die Rechtschreibleistung bei der Notenvergabe nicht gewertet wird. Zeigt das Kind später eine deutliche Verbesserung in der Lese-Rechtschreibleistung ist eine Beendigung dieser Maßnahme möglich.

Voraussetzung für die Gewährung eines Nachteilsausgleichs ist, dass im Schnitt 90 % der Gleichaltrigen eine bessere Leistung im Lesen und Schreiben erbringen müssen. Weiterhin muss die Lese und Rechtschreibleistung deutlich unter den intellektuellen Fähigkeiten des Kindes (IQ) liegen. Der Mindestunterschied zwischen Intelligenztestergebnis und Lese Rechtschreibleistung ist vom bayerischen Kultusministerium exakt vorgeschrieben. Wenn eindeutig eine Lese-Rechtschreibschwäche vorliegt, jedoch die Differenz zum IQ dabei um 1 oder 2 Punkte nicht ausreicht, kann die Diagnose Legasthenie laut Gesetz nicht gestellt werden. In diesem Fall kann lediglich eine Rechtschreibschwäche bescheinigt werden, wobei es im Ermessensspielraum der Schulen liegt, ob etwaige Hilfen dennoch gewährt werden und die Rechtschreibleistung nur gering gewichtet in die Notengebung einfließt.

In der Diagnostiksitzung muss also zunächst das Intelligenzniveau des Kindes erhoben werden, um zu klären, ob das Kind von der schulischen Gesamtsituation überfordert ist. Dies geschieht mittels eines standardisierten Intelligenztestes. Bei einem Rechtschreibtest werden einzelne Wörter und kleine Sätze nach Diktat geschrieben. Bei einem Lesetest liest das Kind einzelne Wörter und kurze Geschichten laut vor. Zusätzlich wird Hinweisen auf mögliche Ursachen der Lese Rechtschreibschwierigkeiten nachgegangen, wie zum Beispiel Defiziten in der räumlichen Wahrnehmung, auditiven Problemen und einer verzögerten Sprachentwicklung. Hierzu kommen Tests zum Einsatz, in denen beispielsweise komplexe räumliche Figuren nachgezeichnet oder wieder erkannt werden müssen, Tests, in denen die Hörfähigkeit hinsichtlich Lautunterscheidung geprüft wird, oder Tests, die den derzeitigen Stand der Sprachentwicklung genauer betrachten.

Untersuchung der visuellen und auditiven Wahrnehmungsfähigkeit

Viele Schulprobleme lassen sich auf eine eingeschränkte Fähigkeit im Bereich der visuellen oder auditiven Wahrnehmung zurückführen. Mittels verschiedener Verfahren wird zum Beispiel die Auge-Hand Koordination (die Koordination motorischer Handlungsabläufe und visueller Wahrnehmungsleistung) oder das Erfassen räumlicher Beziehungen untersucht. Zur Abklärung der auditiven Wahrnehmung kann eine umfassende Hördiagnostik durch einen Hals-Nasen-Ohrenarzt (s. Kapitel 12.2) durchgeführt werden.

ADHS-Diagnostik

Viele Kinder werden im SPZ mit dem Verdacht vorgestellt, so genannte "Hyperaktive" zu sein. Diesen Kindern und Jugendlichen fällt es oft schwer sich auch nur für kurze Zeit auf etwas zu konzentrieren, dabei zu bleiben und die Sache auch zu Ende zu führen. Oft handeln diese Kinder impulsiv, ohne lange nachzudenken. Sie platzen mit Antworten heraus oder lesen die gestellten Aufgaben nicht bis zum Ende durch. Weiterhin fällt auf, dass diese Kinder häufig Probleme damit haben, ruhig sitzen zu bleiben.

Oft können diesen Verhaltensauffälligkeiten andere Probleme zu Grunde liegen, z. B. wenn sich die Eltern getrennt haben oder ein Geschwisterchen geboren wurde. Um die Folgen einer solchen psychosozialen Belastung von einer definierten Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) unterscheiden zu können, kann man in der Diagnostik verschiedene Verfahren anwenden. Es gibt Tests, die die Konzentration sowohl über einen langen als auch über einen kurzen Zeitraum untersuchen. Dabei muss sich ein Kind über 20 Minuten auf einen monotonen Reiz konzentrieren.

Abb.: Durchführung eines TOVA zur Aufmerksamkeitsdiagnostik

Auch über Fragebögen und Gespräche mit den Eltern fällt eine Unterscheidung meist leichter, da die betroffenen Kinder oft schon als Säugling oder Kleinkind auffällig waren. Wesentlicher Faktor ist das situationsübergreifende Auftreten der Problematik. Dazu werden Verhaltenseinschätzungen von Lehrern und Erziehern eingeholt.

Wichtig ist jedoch die Verhaltensbeobachtung durch den Diagnostiker: Kann sich das Kind konzentrieren, driftet es ab oder lenkt es sich ab? Wie verhält es sich in Gruppensituationen? Erst wenn all diese Punkte am Ende zusammenfassend betrachtet werden, kann beurteilt werden, ob in diesem Fall wirklich ADHS vorliegt.

Persönlichkeitsdiagnostik, Einschätzung der emotionalen Befindlichkeit

Neben den Fähigkeiten eines Kindes oder Jugendlichen geht es in der psychologischen Diagnostik auch um die Frage der emotionalen Befindlichkeit. Wie geht es dem Kind? Warum zieht er sich so zurück? Warum ist sie so aggressiv? Solche Fragen zielen auf Bereiche des Erlebens ab, über die oft nicht leicht gesprochen werden kann. Aufgabe des Psychologen ist es dann, die Situation des Kindes zu verstehen, um mit dem Kind und seiner Familie eine Lösung zu finden.

Wiederum sind es das persönliche Gespräch mit den Kindern und Jugendlichen, den Eltern und die Beobachtung des Verhaltens in der Gesprächssituation, die wichtige Informationen zur Einschätzung einer Problemstellung geben. Persönlichkeitsfragebögen geben Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, sich selbst einzuschätzen und zu beschreiben.

Auch außerhalb eines persönlichen Gesprächs können so Informationen gewonnen werden, die zum besseren Verständnis beitragen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Fragebögen, die zur Erfassung spezifischer Problembereiche entwickelt wurden, z. B. Fragebögen zu Depression, Ängstlichkeit, zum Essverhalten, etc.

Unterschieden werden hier Selbst- und Fremdbeurteilung. In vielen Fällen klaffen die eigene Wahrnehmung und die von Familienangehörigen, Lehrern oder Erziehern auseinander. Dabei geht es keinesfalls um richtig oder falsch, vielmehr um eine möglichst differenzierte Betrachtung eines komplexen Geschehens.

Projektive Diagnostik

Oft fällt es Kindern und Jugendlichen schwer, belastende Erfahrungen oder Probleme direkt anzusprechen. Durch Zeichnungen, im Spiel mit Puppen oder Spielmaterial und beim Erfinden von Geschichten fällt es leichter, ihre Befindlichkeit, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken.

Abb.: Im Spiel mit den Puppen können sich Kinder oft leichter ausdrücken

Für diesen Bereich sind deswegen Methoden entwickelt worden, die dem Kind helfen können, sein inneres Erleben darzustellen; man nennt sie Projektive Verfahren. Projektiv ist so zu verstehen, dass ein Kind seine eigenen Erfahrungen, Gedanken, Gefühle in eine Geschichte oder Spielszene einbringt. Spielerisch kann das eigene Erleben ausgedrückt werden.

Abb.: Durchführung eines projektiven Testverfahrens

Zusammenfassung der diagnostischen Befunde

Die psychologische Diagnostik hat insgesamt zum Ziel, Informationen zusammenzutragen und zu interpretieren, die eine gegebene Problemstellung genauer beschreiben. Dieses Wissen hilft, zu einer Lösung oder einer Entscheidung zu kommen.

Durch standardisierte Tests wird versucht, zu einer möglichst objektiven Einschätzung zu kommen. Da der Mensch jedoch ein außerordentlich komplexes Wesen ist, darf es nicht erstaunen, wenn die psychologische Diagnostik keine absolute Wahrheit, sondern nur eine Annäherung an sie bieten kann. Jedes Ergebnis der beschriebenen Tests muss interpretiert werden, jede Information muss mit den anderen Informationen in Beziehung gesetzt werden, um letztlich die gestellten Fragen beantworten zu können. Psychologische Diagnostik bringt also nicht die Wahrheit ans Licht, sie gibt Eltern und Erziehungsberechtigten Empfehlungen an die Hand, damit diese selbst entscheiden können, was weiter passiert.

Die meisten Familien, die mit ihren Kindern ins SPZ kommen, wollen nicht nur eine Erklärung der Schwierigkeiten, die sie zur Vorstellung veranlasst haben, sondern konkrete Hilfe bei der Lösung ihrer Probleme. Damit wird der Sinn der oft umfangreichen diagnostischen Untersuchungen deutlich: Nur eine möglichst genaue Kenntnis der Bedingungen, innerhalb derer ein Problem besteht, erlaubt einen fundierten und damit hilfreichen Vorschlag zur Lösung.

Psychologische Diagnostik stellt damit eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie dar, weil erst hier festgestellt wird, in welchen Bereichen Schwächen vorliegen und welche grundlegenden Prozesse dafür verantwortlich sind. Allerdings lassen sich bestehende Probleme nicht immer auf eine bestimmte Ursache zurückführen; oft muss es bei einer möglichst genauen Beschreibung bleiben. Die Frage heißt dann nicht: Woher kommt das Problem? Sondern: Wie kann es gelöst werden?



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