Ganztages-Intensivklasse (GIK)

Staatlichen Schulamt Altötting, Markus Niedermeier, Jürgen Dietl, Jürgen Fenk

Mit Beginn des Schuljahres 2002/03 hat das Staatliche Schulamt Altötting an der Max-Fellermeier-Volksschule Neuötting eine in dieser Konzeption einmalige Ganztages-Intensivklasse zur Betreuung besonders verhaltensauffälliger und an der Sprengelschule nicht mehr beschulbarer Hauptschüler des Landkreises Altötting eingerichtet. Besondere Merkmale dieser Klasse sind eine deutlich reduzierteKlassenstärke, eine intensive Ganztagsbeschulung durch ein äußerst motiviertes und engagiertes Lehrerteam und eine intensive Betreuung durch Kinderärzte, Psychologen und Sozialpädagogen des Sozialpädiatrischen Zentrums. Unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Erziehungsarbeit ist die ausdrückliche und aktive Bereitschaft der Erziehungsberechtigten zur intensiven Zusammenarbeit mit der Schule.

Konzeptionelle Grundlagen Zielgruppe

  • Erziehungsschwierige, verhaltensauffällige Schüler mit einem hohen Förderbedarf im Bereich sozialemotionaler Entwicklung (8. oder 9. Schulbesuchsjahr)
  • Schüler mit Defiziten im Lern- und Leistungsbereich, die jedoch nicht auf Begabungsdefizite zurückzuführen sind
  • Schüler mit hoher Schulunlust (Schulschwänzer), Motivationsproblemen, Misserfolgserlebnissen und vermindertem Selbstwertgefühl
  • Schüler mit oftmals praktischen Interessen und Begabungen
  • Schüler, die in ihren angestammten Klassen ein erhebliches Störpotenzial darstellen

Aufnahmeverfahren (Tab. 26.1)

  • Anmeldung eines Schülers durch die abgebende Hauptschule an der Max-Fellermeier Volksschule Neuötting
  • Aufnahmegespräch an der Max-FellermeierVolksschule Neuötting
  • Diagnostik durch das Sozialpädiatrische Zentrum
  • Entscheidung über die Aufnahme in die Ganztages-Intensivklasse durch die Schulleitung der Max-Fellermeier Volksschule Neuötting

Ziele

  • Heranführung der Schüler an die Regelklasse der Sprengelschule bzw. an die Praxisklasse oder an eine Berufsausbildung bzw. an ein Angebot der Bundesagentur für Arbeit
  • Fördern von brachliegenden Interessen und Begabungen
  • Erlernen von Regelverhalten im schulischen Rahmen
  • Gewöhnung an eine geregelte, strukturierte Lebensführung
  • Aufbau und Festigung von Selbstwertgefühl und Selbständigkeit
  • Stabilisierung der Persönlichkeit und des Sozialverhaltens
  • Steigerung der Lern- und Leistungsbereitschaft
  • Handlungsorientierte Auseinandersetzung mit lebenspraktischen und berufsvorbereitenden Lerninhalten
  • Berufsorientierung durch Betriebspraktika
  • Erleben sinnvoller Freizeitgestaltung

Abb.: Die Förderung von brachliegenden Interessen und Begabungen. Das Interesse daran ist der zentrale Ansatzpunkt der GIK

Prinzipien

  • Prävention – "Auffangen" und "WiederEingliedern" der Jugendlichen in ein strukturiertes Leben und Lernen
  • Hohe Personalintensität bei ganztägiger Betreuung
  • Der freiwillige Besuch der Ganztages-/ intensivklasse als "letzte" Chance
  • Individuell abgestimmte Leistungsanforderungen mit klaren Zielen und konsequent überwachten Regeln
  • Anwesenheit von mindestens zwei Betreuern
  • Sanktionszeit als unmittelbare negative Konsequenz

Tabelle: Darstellung der Zusammenarbeit von Schule und außerschulischen Einrichtungen

Stundenplan

Fächer

Der Fächerkanon und die Lernziele orientieren sich am Lehrplan der Hauptschule für die Jahrgangsstufen 7- 9. Der folgenden Tabelle beschriebene Stundenplan bietet einen flexiblen Rahmen für die Woche. 

Tabelle: Darstellung der Zusammenarbeit von Schule und außerschulischen Einrichtungen

Ein wesentlicher Maßstab für die Auswahl der Lerninhalte ist ihre Lebensbedeutsamkeit für die Jugendlichen, wobei die Verbesserung der Fähigkeiten und Kenntnisse in den zentralen Fächern Deutsch und Mathematik im Mittelpunkt der unterrichtlichen Bemühungen steht. Ziel ist es, dass die Schüler eine Berufsschule erfolgreich besuchen und damit eine Berufsausbildung absolvieren können.

Kernfächer

Die Kernfächer Mathematik und Deutsch bilden mit jeweils etwa vier Wochenstunden den Schwerpunkt des Unterrichts. Vor allem in diesen beiden Fächern gilt der Grundsatz: "Die Schüler werden dort abgeholt, wo sie stehen."

Weitere Fächer

Im Sachunterricht, für den etwa vier Wochenstunden zur Verfügung stehen, werden ausgewählte Themenbereiche der Fächer GSE (Geschichte/Sozialkunde/ Erdkunde) und PCB (Physik/Chemie/Biologe) behandelt. Das Fach AWT (Arbeit/ Wirtschaft/Technik), das für die Berufsorientierung und die Berufswahl eine herausragende Rolle spielt, nimmt eine zentrale Stellung ein.

Der Sportunterricht umfasst drei Wochenstunden. Kunst und Musik finden insbesondere Eingang in die Gestaltung der Nachmittage.

Praktische Fächer

Naturgemäß kommt in der Ganztages-Intensivklasse den praktischen Fächern eine besondere Bedeutung zu. Der praxisnahe Unterricht motiviert und führt zu konkreten Ergebnissen. Im Hauswirtschaftsunterricht mit vier Wochenstunden erlernen die Schüler schwerpunktmäßig die Zubereitung von Speisen. Das praktische Arbeiten steht auch im gewerblichtechnischen Bereich im Vordergrund. Darüber hinaus werden die Schüler in planvolles und sorgfältiges Arbeiten im Team eingeführt.

Berufswahl

Unabhängig vom Schulbesuchsjahr der Schüler spielt die Berufswahl eine zentrale Rolle. Die Schüler sollen ihre Möglichkeiten realistisch einschätzen können und befähigt werden, einen passenden Beruf zu finden.

In AWT (Arbeit/Wirtschaft/Technik) erhalten die Schüler einen Überblick über die Berufswelt. Sie lernen die verschiedenen Informationsmöglichkeiten der Bundesagentur für Arbeit kennen.

Der unmittelbare Kontakt zur Arbeitswelt ist von besonderer Bedeutung. Die Schüler werden bei der Suche nach geeigneten Praktikumsbetrieben unterstützt, Arbeitserfahrungen werden im Unterricht aufgearbeitet. Die enge Zusammenarbeit der in der Ganztages-Intensivklasse unterrichtenden Lehrkräfte mit dem die Schüler betreuenden Sozialpädagogen erweist sich als sehr nützlich.

Heimische Handwerksbetriebe arbeiten im Rahmen von "Praxis an Hauptschulen" eng mit der Ganztages-Intensivklasse zusammen. Dabei unterstützen die Fachleute aus den Handwerksbetrieben die Schüler gezielt bei der Herstellung handwerklicher Produkte. So lernen die Schüler die Produktionsabläufe von der Planung bis zur Fertigstellung kennen.

Abschluss

Die Bewertung der Schülerleistungen mit Noten steht nicht im Vordergrund. Auf die aktive Teilnahme der Schüler am Unterricht und ihr Interesse an den Unterrichtsinhalten wird besonders Wert gelegt. Trotzdem kann nicht auf die in der Hauptschule übliche Benotung verzichtet werden. Es kommt jedoch entscheidend auf den individuellen Lernfortschritt an. Eine umfangreiche verbale Würdigung im Zeugnis unterstreicht dies.

Sozialpädagogische Konzeption

Ein Diplom-Sozialpädagoge des Sozialpädiatrischen Zentrums ist mit 23 Wochenstunden in der Ganztages-Intensivklasse eingesetzt. Seine wichtigsten Aufgabenfelder sind Einzeltherapie sowie die sozialpädagogische Nachmittagsbetreuung.

Therapie

Der Sozialpädagoge steht für jeden Schüler wöchentlich in einer Einzelstunde zur Verfügung. Die individuelle Problemlage des Schülers sowie die Ergebnisse einer mehrdimensionalen Bereichsdiagnostik im Sozialpädiatrischen Zentrum bestimmen den Inhalt der Therapiestunde. Da sich die Schüler in der Pubertät befinden, stehen Probleme mit Eltern, Lehrern und anderen Autoritätspersonen im Vordergrund. Die Zusammenarbeit aller am System beteiligten Personen und Institutionen ist dabei von besonderer Bedeutung, wobei dem Sozialpädagogen eine vermittelnde Position zukommt. Auch für den Übergang von der Schule zur Arbeitswelt kommt dem Sozialpädagogen eine Schlüsselrolle zu. Er übernimmt die Betreuung und Begleitung des Schülers in dieser schwierigen und entscheidenden Phase.

Darüber hinaus ist für eine erfolgreiche Koordinierung und Vermittlung die Zusammenarbeit aller am System beteiligten Personen und Institutionen erforderlich, insbesondere von Familie, Eltern, Lehrkräften, Praktikumsbetrieben, Bundesagentur für Arbeit und Jugendamt.

Wegen des oftmals gestörten Sozialverhaltens der Jugendlichen richtet der Sozialpädagoge sein Augenmerk auf die Vermittlung sozialer Kompetenzen sowie den konstruktiven, gewaltfreien Umgang mit Konflikten. Ein weiterer Inhalt ist die Arbeit am Selbstkonzept (= Selbstwertgefühl, Selbstbild) des Jugendlichen, das dieser häufig subjektiv negativ wahrnimmt.

Freizeitgestaltung

Die Schüler werden am Nachmittag durch den Sozialpädagogen und eine Lehrkraft betreut. Den Schülern stehen somit zwei Ansprechpartner zur Verfügung. Häufig geht es darum, die am Vormittag aufgetretenen Konflikte aufzuarbeiten.

Den Übergang vom Vormittagsunterricht zur Nachmittagsbetreuung bildet ein gemeinsam zubereitetes Mittagessen. Die Schüler lernen dabei neben praktischen Fertigkeiten die Übernahme von Verantwortung.

Im Anschluss daran erfolgt noch einmal eine Arbeitsphase, die zum einen für Hausaufgaben und zum anderen für unterrichtliche Vorhaben genutzt wird. Ein weiterer fester Bestandteil am Nachmittag ist ein wöchentlich stattfindendes soziales Kompetenztraining. Hierbei lernen die Jugendlichen in der Gruppe, ihre Gefühle adäquat zu äußern, sich an Regeln zu halten, Lob und Kritik anzunehmen sowie sich selbst zu kontrollieren. Weitere Aktivitäten am Nachmittag sind gemeinsame handwerkliche Projekte, Sport, Wanderungen mit Landkarte, Gesellschaftsspiele, Kreativ-Workshops.

Die Erlebnispädagogik ist ein wichtiges Element der Arbeit mit den Schülern der Ganztages-Intensivklasse. Sich selbst, die Gemeinschaft mit anderen und die Natur zu erleben sind besondere Anliegen. Die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Schwächen wird in der Gruppe intensiv erfahren und reflektiert, die Kritikfähigkeit dadurch erhöht und gefördert. Sich etwas zuzutrauen und anderen zu vertrauen, das ist sowohl für die Persönlichkeitsentwicklung als auch für eine gute Zusammenarbeit im Team von großer Bedeutung. Vor allem bei mehrtägigen Fahrten werden verstärkt erlebnispädagogische Elemente eingesetzt. Klettersteige zu begehen, unterirdische Höhlen zu befahren, Orientierungswanderungen zu bestehen, einen Hochseilgarten oder ein Überlebenstraining zu absolvieren, das alles gehört zu den Höhepunkten eines Schuljahres.

Abb.: Erlebnispädagogik ist ein wichtiger Bestandteil der GIK-Arbeit. Hier beim Arbeiten im Wald

Dabei erhalten die Schüler Gelegenheit zum Erwerb sozialer Kompetenzen sowie Anregungen für eine aktive und sinnvolle Freizeitgestaltung.

Elternarbeit

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit des Sozialpädagogen, aber auch der Lehrkräfte, ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. Als besonders wirksam erweist sich ein regelmäßiger Informationsaustausch mit den Eltern. Je nach individueller Problematik gibt es für die Eltern regelmäßige Termine beim Sozialpädagogen. Für die Schüler ist es von großer Wichtigkeit zu wissen, dass Schule und Elternhaus intensiv Kontakt halten.

Für die Entscheidung, ob ein Schüler oder eine Schülerin in die Ganztages-Intensivklasse aufgenommen wird, ist die Bereitschaft der Eltern zur Mitarbeit entscheidend. Die Eltern bestätigen mit ihrer Unterschrift, dass sie in Krisenfällen in die Schule kommen.

Fazit

Aus der Sicht des Staatlichen Schulamtes und aller Beteiligten hat sich die Einrichtung der Ganztages-Intensivklasse sehr bewährt. Der hohe finanzielle und personelle Aufwand ist gerechtfertigt, weil es in der Ganztages-Intensivklasse gelingt, Jugendliche auf die "rechte Bahn" zurückzubringen. Die Begleitung, die Beratung und die Mitwirkung des SPZ an der erziehlichen Arbeit in der Ganztages Intensivklasse sind für den Erfolg von ausschlaggebender Bedeutung.



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