Fallbeispiel

Der 7-jährige Anton wird seit 2 Jahren krankengymnastisch über das SPZ aufgrund seiner Spina bifida ("offener Rückenmarkskanal"; Fehlbildungen der Füße und Beine können auftreten, bei Anton ist die Gehfähigkeit vorhanden) und seinem Klumpfuß behandelt.

Vor ca. 1 1/2 Jahren wurde während eines Kontrolltermins beim zuständigen Arzt über Erziehungsprobleme und Verhaltensauffälligkeiten des Kindes im familiären Rahmen berichtet. Im Kindergarten gab es zum damaligen Zeitpunkt im Umgang mit Anton keine Probleme. Er hatte in seiner Gruppe Freunde, kam mit den anderen Kindern gut aus, hielt sich an die Gruppenregeln, machte bei den verschiedenen Angeboten (basteln, malen, turnen) gut mit und wurde allgemein als braves, liebes Kind bezeichnet.

Zu Hause war die Situation jedoch anders gelagert. Ständig gab es Streitigkeiten mit den jüngeren Schwestern (damals Annika 4 Jahre/Melanie 2 Jahre). Anton war der Älteste in der Geschwisterreihe und von Seiten der Eltern wurde von ihm mehr Vernunft und Rücksichtnahme erwartet. Sie waren daher mit ihm unzufrieden, weil er gleich losschrie, wenn es nicht nach seinem Kopf ging, sich nicht an Regeln (z. B. Einhaltung der Fernsehzeiten) hielt, die elterlichen Anweisungen (z. B. Zimmer aufräumen) nicht befolgte und aggressiv wurde.

Die Eltern wussten sich nicht mehr zu helfen. Ihnen war durchaus klar, dass sie Anton gegenüber oft inkonsequent auftraten. Auf der einen Seite waren sie aufgrund seiner körperlichen Behinderung und den damit verbundenen häufigen Krankenhausaufenthalten nachsichtig und verwöhnten ihn, da es ihnen ja Leid tat, dass er als Kind bereits so viel mitmachen musste. Auf der anderen Seite erwarteten sie, dass er der "Große und Vernünftige" war.

Es wurde eine sozialpädagogische Therapie im Sinne einer Erziehungsberatung und eines Interaktionstrainings eingeleitet (siehe unter 19.4). In den ersten Therapiestunden stand die Abklärung der Erwartungen, Wünsche, Bedürfnisse der Eltern an die Therapie im Vordergrund. Diese beinhaltete das Kennenlernen des Kindes und die Vermittlung der therapeutischen Vorgehensweise mit Aufstellung eines Behandlungsplanes (Abstimmung zwischen Eltern, Kind und Therapeut, Aufstellen einer Dringlichkeitsliste der anzugehenden Probleme) (siehe unter 19.1).

Im Laufe der therapeutischen Zusammenarbeit stellte sich eine starke emotionale Überlastung der Mutter heraus, die eigene Bedürfnisse und Notwendigkeiten sehr stark zurückstellte, indem sie z. B. eigene Arzttermine weit hinausschob und sich erst bei starken Schmerzen an den Arzt wandte. Die Mutter litt an Migräne, hatte zwischenzeitlich auch depressive Phasen, in denen sie viel im Bett lag und die Hausarbeit nur noch dürftig verrichtete. Der Mann ging seiner Arbeit nach und sicherte so die finanzielle Situation der Familie. Die Frau war somit an den Werktagen tagsüber alleine für die Kinder zuständig. Die Erledigung und Versorgung der Familie litt natürlich unter den gesundheitlichen Einbrüchen der Mutter.

Eine Entlastung der Mutter schien dringend erforderlich, so dass u. a. die Angebote der Offenen Behindertenarbeit in Altötting vorgestellt wurden. Diese Einrichtung bietet unter anderem einen familienentlastenden Dienst an, der z. B. eine stundenweise Betreuung der Kinder für die Wahrnehmung eines Arzttermins der Eltern bzw. eines Elternteils vorsieht.

Des Weiteren trat im Zeitraum der sozialpädagogischen Betreuung eine neue Belastung auf. Die Pflegekasse begutachtete die Leistungen aus der Pflegeversicherung neu und stellte dabei keine Pflegestufe 1 mehr fest. Dies bedeutete finanzielle Einbußen für die Familie, da sie nun kein Pflegegeld mehr erhielt. Die Familie wurde auch hier in ihrem Anliegen, Widerspruch einzulegen, unterstützt.

Im Rahmen eines Hausbesuches gewann der Sozialpädagoge Einblicke in den pflegerischen Aufwand von Anton und in die notwendigen Hilfestellungen für die Mutter bei der Durchführung von alltäglichen Handlungen. Durch die gewonnenen Eindrücke konnte mit der Mutter eine detaillierte Aufstellung angefertigt und so der Widerspruch begründet werden (siehe unter 19.7).



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