Das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) Inn-Salzach

Das Sozialpädiatrische Zentrum wurde, wie an anderer Stelle bereits ausgeführt, am 15.04.1991 gegründet und seitdem kontinuierlich ausgebaut. Die hier beschriebene Struktur entspricht dem Stand vom 01.07.2010. Entsprechend dem § 119 SGB V obliegt dem Sozialpädiatrischen Zentrum die ambulante sozialpädiatrische Behandlung von Kindern, "die wegen der Art, Schwere oder Dauer ihrer Krankheit oder einer drohenden Krankheit nicht von geeigneten Ärzten oder in geeigneten Frühförderstellen behandelt werden können".

Die sozialpädiatrische Behandlung umfasst die ärztlichen und nichtärztlichen, vor allem auch psychologische sowie ergänzende Leistungen zur Rehabilitation, die erforderlich sind, um insbesondere eine Krankheit zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu erkennen, zu verhindern, zu heilen oder in ihrer Auswirkung zu mildern. Sie beinhaltet in der Regel eine breite pädiatrische Diagnostik und Therapie (inklusive sozialer und psychologischer Ansätze). 

Aus dieser Vorgabe und den regionalen Strukturen hat sich im Laufe der Zeit das dargestellte Spektrum der Tätigkeit ergeben. Im Jahr 2009 wurden 6.497 Kinder im Sozialpädiatrischen Zentrum Inn-Salzach behandelt.

50 % der Patienten kamen aus dem Landkreis Altötting, 24 % aus dem Landkreis Mühldorf und 20 % aus dem Landkreis Rottal-Inn, 2 % aus den Landkreisen Traunstein/Rosenheim, 1 % aus Österreich, die übrigen Patienten kamen u. a. aus Dingolfing-Landau, Berchtesgadener Land, Deggendorf, Ebersberg, Erding, Landshut, München, Passau, Regensburg und Straubing.

Abb.: Herkunft der neu aufgenommenen Patienten des Sozialpädiatrischen Zentrums Inn-Salzach im Jahr 2004

Im Oktober 1998 wurde als Folge der erheblichen Expansion ein Neubau des Sozialpädiatrischen Zentrums als Anbau an die Pädiatrie der Kreisklinik Altötting eröffnet.

Abb.: Sozialministerin Barbara Stamm bei den Eröffnungsfeierlichkeiten im Oktober 1998in der Eingangshalle des Sozialpädiatrischen Zentrums

Finanziert wurde das Bauvorhaben durch Mittel des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Ge-sundheit, der Landkreise Altötting, Mühldorf und Rottal-Inn, der Bayerischen Landesstiftung und der Aktion "Sternstunden" des Bayerischen Rundfunks sowie der Seltmann-Stiftung. Durch die weiterlaufende Expansion mussten bereits Anfang des Jahres 2001 weitere Räume ausgebaut werden.

Durch die Erweiterung um ein drittes und im weiteren Verlauf um ein viertes Team trat bald wieder Platzmangel auf. So wurde zusammen mit der Planung des Neubaues für die im Jahr 2004 neu genehmigte Kinder- und Jugendpsychiatrische Tagesklinik mit Ambulanz auch eine Erweiterung des Sozialpädiatrischen Zentrum geplant und vom Sozialministerium landesplanerisch genehmigt. Nach der Grundsteinlegung am 19.07.2004 wurde der Betrieb des Erweiterungsbaues für das Sozialpädiatrischen Zentrum bereits im Juli 2005 aufgenommen.

Abb.: Der Wartebereich für die Erweiterung des Sozialpädiatrischen Zentrums im ersten Obergeschoss

Im Juli 2010 wurde zur Unterbringung der zwischenzeitlich neu gebildeten Teams 5 und 6 ein weiterer Ausbau mit 11 Therapieräumen und der dafür erforderlichen Infrastruktur mit Baukosten von ca. 920000 € eingeweiht. Hauptaufgabengebiet der neu gebildeten Teams ist die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Regulationsstörungen, Bindungsstörungen und aus einer Migrationsproblematik resultierenden Erkrankungen.

Welche Erkrankungen werden im Sozialpädiatrischen Zentrum Inn-Salzach behandelt?

Die Haupttätigkeit besteht in der Diagnostik und Therapie von Kindern mit Entwicklungsstörungen. Hierbei reicht das Spektrum vom normal- bis hochbegabten Gymnasiasten mit einer Teilleistungsstörung (wie z. B. Bewegungsstörung, einseitige Begabungsdefizite) bis hin zum mehrfachbehinderten bzw. komplex körperlich, geistig, seelisch behinderten Kind. 

Daraus ergibt sich, dass bei den im Jahr 2009 behandelten 6.497 Patienten 24551 Diagnosen gestellt wurden  Dies entspricht drei bis vier Diagnosen pro Patient.

Am häufigsten wurde mit 5486-mal die Diagnose "umschriebene Entwicklungsstörung" gestellt. Dazu gehören Lese Rechtschreibstörung, Sprachstörung, Entwicklungsstörung der Fein- und Graphomotorik, schulische Probleme, Rechenstörung, Stottern bis hin zum Autismus.

An zweiter Stelle stand die Diagnose "Verhaltens- und emotionale Störungen". Hier sind in erster Linie Patienten mit hyperkinetischen Störungen und Störungen des Sozialverhaltens und der Emotionen zu nennen. Aber auch Einnässen, Tics und Einkoten spielen eine erhebliche Rolle. Weitere wichtige Gruppen waren die Ernährungs- und Stoffwechselstörungen (699-mal), die Hormonkrankheiten (360-mal), die Krankheiten des Auges und Ohres, des Skelett- und Muskelsystems und des Nervensystems (528-mal). Allein 253-mal wurde die Diagnose Epilepsie und 102-mal die Diagnose Cerebralparese gestellt. 872 angeborene Fehlbildungen bzw. Missbildungen wurden diagnostiziert. Bemerkenswert ist, dass 4734 der vorgestellten 6.497 Patienten normal begabt waren, 694 waren deutlich intelligenzgemindert (IQ unter 70), 123 Patienten wurden wegen Hochbegabung vorgestellt.

Die Altersstruktur entsprach in etwa der Gauß'schen Verteilung mit einem Maximum zwischen 8 und 9 Jahren. Relativ häufig waren auch Patienten im ersten Lebensjahr in Behandlung. 8 % der Patienten waren unter einem Jahr, 20 % zwischen 1 und 5 Jahren, 36 % zwischen 6 und 9 Jahren, 29 % zwischen 10 und 14 Jahren und 7 % über 15 Jahren.

Wer behandelt die Kinder?

Die Personalstruktur eines Sozialpädiatrischen Zentrums ist durch eine gemeinsame Empfehlung auf Bundesebene unter Beteiligung von Politik, Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen vom Oktober 1989 geregelt. Die Personal und Leitungsstruktur des Sozialpädiatrischen Zentrums Inn-Salzach ist an diese Empfehlung angelehnt.

Ein Sozialpädiatrisches Zentrum soll mindestens aus zwei Teams bestehen. Jedes Team wird von einem Kinderarzt geleitet. In jedem Team sollen ein Kinderpsychologe, ein Sozialpädagoge und vier bis acht Therapeuten tätig sein. Im Jahr 2010 umfasste der Stellenplan des Zentrums für Kinder und Jugendliche sechs Teams

  • 9 Kinderärzte
  • 1 HNO-Arzt
  • 1 Kinder- und Jugendpsychiater
  • 6 Assistenzärzte
  • 8 Psychologen
  • 5 Diplom-Sozialpädagogen
  • 13 Ergotherapeuten (Montessori)
  • 4 Logopäden
  • 8 Physiotherapeuten
  • 1 Kunsttherapeuten
  • 1 Musiktherapeut
  • 6 Arzthelferinnen
  • 2 auszubildende Arzthelferinnen
  • 1 MTA
  • 1 Kinderkrankenschwester
  • (1 Erzieherin)
  • 2 Ökotrophologen
  • 1 Geschäftsführer
  • 6 Verwaltungsmitarbeiter
  • 4 Hausmeister / Technik

Das Sozialpädiatrische Zentrum ist eine nach § 119 SGB V ärztlich geleitete Institution, in der die Berufsgruppen interdisziplinär zusammenarbeiten. Dies ergibt sich aus dem Diagramm der Personal und Leitungsstruktur.

Abb.: Organisationsstruktur des Sozialpädiatrischen Zentrums Inn-Salzach Team 5 und 6 sind aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht dargestellt

Die interdisziplinäre Arbeit ist durch die ortsnahe Unterbringung der einzelnen Teams gewährleistet. Darüber hinaus ist der Mittwochvormittag von 8.00 bis 12.00 Uhr für Teamarbeit und Besprechungen reserviert. Von 8.00 bis 9.30 Uhr konferieren Team I bis Team IV jeweils für sich und besprechen sich interdisziplinär. Von 11.00 bis 12.00 Uhr treffen sich Team I bis Team IV mit der Leitung, um teamübergreifende Anliegen zu besprechen. In der Zwischenzeit finden Einzelbesprechungen, aber auch Aktivitäten wie Balintgruppen statt.

Welche Diagnostik- und Therapiemethodenwerden eingesetzt?

Zur Behandlung der Patienten werden neben der ärztlichen und psychologischen Diagnostik und Therapie folgende Therapiearten eingesetzt:

  • Ergotherapie
  • Heilpädagogik
  • Hilfsmittelversorgung
  • Logopädie
  • Pharmakotherapie (medikamentöse Therapie)
  • Physiotherapie (Krankengymnastik)
  • Psychotherapie
  • Sozialpädagogik/-arbeit

Im Rahmen dieser angebotenen Therapierichtungenwerden folgende Therapiebereiche und Verfahren unter anderem eingesetzt:

  • Biofeedback (u. a. Neurobiofeedback, Muskelbiofeedback)
  • Bobath-Konzept
  • Botulinum-A-Injektionstherapie
  • Eltern-Gruppenarbeit
  • Entspannungsverfahren (autogenes Training, progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen)
  • Epilepsiebehandlung
  • Familien- und systemische Therapie
  • Frostig-Konzept
  • Gesprächs-Psychotherapie
  • Gestalttherapie
  • Kunsttherapie
  • Manualmedizin
  • Montessoritherapie
  • Musiktherapie
  • Neuropsychologische Therapie
  • Orthopädietechnische Versorgung
  • Psychomotorik
  • Psychopharmaka-Therapie
  • Sensorische Integrationstherapie nach Jean Ayres
  • Spieltherapie
  • Schmerztherapie
  • Therapeutisches Schwimmen
  • Therapie nach Castillo-Morales
  • Tiefenpsychologische Therapie
  • Verhaltenstherapie
  • Vojta-Konzept

Die diagnostische und therapeutische Vorgehensweise der Sozialpädiatrie sind in den Standards der Sozialpädiatrie (Fricke, Ch. et al. 2007, Hollmann et. al. 2009) qualitätsorientiert festgelegt. In den Standards wird zur Behandlung der häufigsten Diagnosen Stellung genommen unter anderem: Epilepsie, Zerebralparese, ADHS, Legasthenie, Sprachstörungen, Bewegungsstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Autismus.

Technische Ausstattung des Sozialpädiatrischen Zentrums Inn-Salzach

Bei der Gründung des Sozialpädiatrischen Zentrums Inn-Salzach wurde davon ausgegangen, dass alle kostenträchtigen Diagnostik- und Therapieverfahren durch die Inanspruchnahme der Technik in der Kreisklinik Altötting abgedeckt werden. Dieses Konzept ist weiterhin Grundlage Lungenfunktionsdiagnostik, alle Labor-, Röntgen-, computertomographischen, magnetresonanztomographischen Untersuchungen in der Kreisklinik mit der vorhandenen Technik durchgeführt. Es besteht somit eine intensive Kooperation.

Auf diesem Wege sollen Doppelinvestitionen mit daraus resultierender geringerer Geräteauslastung vermieden werden. Die gegenseitige Kostenerstattung ist geregelt.

In den Bereichen, in denen das Krankenhaus strukturell bedingt Investitionen nicht tätigen kann, wurde eine umfassende Ausstattung durch das Sozialpädiatrische Zentrum angeschafft. So konnten mit Zuschussmitteln des Sozialministeriums eine schalldichte Hörkabine eingebaut und die erforderlichen Geräte zur Hördiagnostik von der ersten Lebenswoche bis zur Adoleszenz angeschafft werden. Erweitert wurde diese Anlage im Jahr 2005 durch eine AudiometrieAnlage, die insbesondere für Kleinkinder und Kinder geeignet ist. Eine vom Krankenhaus betriebene EEG-Anlage wurde für die Belange des Sozialpädiatrischen Zentrums erheblich erweitert und für die etwas anders gelagerten Bedürfnisse modifiziert.

Für das Sozialpädiatrische Zentrum wurden Geräte und Computerprogramme zur Diagnostik (Wiener Determinationsgerät) und Geräte zur Therapie angeschafft. Mit der Neueröffnung im Jahr 2005 wurde ein für körperlich Behinderte geeignetes Laufband sowie eine "Motoskopische Station" installiert. Insgesamt ist die sozialpädiatrische Arbeit aber durch den persönlichen Kontakt und Einsatz geprägt und weniger im Sinne einer technisch orientierten Medizin zu sehen. Letztere wird nur dort eingesetzt, wo es zur Diagnosefindung erforderlich ist oder therapeutisch bessere Erfolge erbringt als die klassischen Verfahren.

Die jüngste Erweiterung im Jahr 2010 trug dem weiter wachsenden Bedarf an Sozialpädiatrischer Versorgung Rechnung.

Abb.: Blick in den Erweiterungsbau 2010 für Team 5 und 6 (Photo: Willmerdinger)

Wie erfolgt die Anmeldung?

Voraussetzung für die Anmeldung eines Kindes ist die Überweisung durch einen zugelassenen Kassenarzt (Kinderarzt, Hausarzt, HNO-Arzt, Augenarzt, Orthopäde und andere). Privatpatienten benötigen grundsätzlich keine Überweisung. Sie werden aber vom Sozialpädiatrischen Zentrum darauf aufmerksam gemacht, dass eine Vorstellung des Kindes in Absprache mit dem sonst behandelnden Arzt erfolgen soll. Die Anmeldung erfolgt telefonisch oder schriftlich an die Leitstelle des Sozialpädiatrischen Zentrums im Zentrum für Kinder und Jugendliche Inn-Salzach.

Abb.: Von der Anmeldung eines Patienten bis zur Therapie

Nach der Anmeldung erhalten die Eltern einen Termin zur Untersuchung des Kindes durch den Arzt. Dieser führt die Untersuchung entweder alleine oder unter Hinzuziehung anderer Spezialisten des Sozialpädiatrischen Zentrums durch. Die Untersuchung wird immer sehr umfassend sein, um der Ursache der Störung auf den Grund zu gehen und sie gezielt behandeln zu können. Eine sozialpädiatrische Basisuntersuchung umfasst circa zwei bis vier Untersuchungstermine. Mit einer Zeitdauer von zwei bis acht Stunden ist zu rechnen.

Nach der Erstuntersuchung, eventuell unter Einbeziehung weiterer fachspezifischer Diagnostik oder in schwierigen Fällen auch der Besprechung im Team, erfolgt eine Besprechung des Diagnostikergebnisses mit den Eltern. In seltenen Fällen wird eine erweiterte Diagnostik mit stationärer Aufnahme oder Überweisung an Spezialkliniken empfohlen. Falls erforderlich, wird bei diesem Gespräch ein Therapievorschlag, speziell für die Probleme des untersuchten Kindes, gegeben.

Das Sozialpädiatrische Zentrum arbeitet mit Kinderärzten, niedergelassenen Therapeuten, Frühförderstellen, Erziehungsberatungsstellen und anderen Beratungsstellen zusammen. Ist eine wohnortnahe Therapie möglich, wird den Eltern die Therapie vor Ort empfohlen. Ist dies nicht möglich, wird eine Therapie am Sozialpädiatrischen Zentrum vorgeschlagen.

Die Eltern müssen über das weitere Vorgehen entscheiden. Wird eine Therapie eingeleitet, so wird der Erfolg der Maßnahme durch ärztliche Kontrolluntersuchungen in dreimonatigen Abständen überprüft. Bei Erfolg wird die Therapie beendet, bei Teilerfolgen die Behandlung im Bedarfsfall fortgesetzt. Bei unzureichendem Therapieerfolg wird die Therapie modifiziert.



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