Aufgaben und Grundlagen der Tätigkeit der Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ)

Schon zu Zeiten der ersten europäischen Kultur vor über 2000 Jahren wurde in Griechenland als Basis der Gesundheit ein ausgewogenes Verhältnis zwischen gesundem Körper, gesunder Seele und gesundem Geist definiert.

Abb.: Bedingung für die Gesundheit ist eine Balance zwischen körperlichen, geistigen und seelischen Rahmenbedingungen

Im Falle eines Ungleichgewichts in einem dieser drei Bereiche führt dies zunächst einmal zu einer körperlichen, seelischen oder geistigen Krankheit. In der Regel werden bei der Erkrankung eines der Systeme auch die anderen beiden tangiert.

Somit führt jede Störung, sei es auf der körperlichen, seelischen oder geistigen Ebene, zu einer komplexen Abweichung vom gesunden Zustand. Als Konsequenz aus dieser Erkenntnis ist eine umfassende Diagnostik aller drei Bereiche erforderlich. Entsprechend der diagnostischen Ergebnisse variiert auch die Therapie.

Abb.: Eine Störung der Balance von körperlicher, geistiger und seelischer Gesundheit führt zu Krankheitserscheinungen. In einem umfangreichen diagnostischen Prozess müssen Schwerpunkte und Ursachen der Krankheit erforscht werden. Je nach Schwerpunkt der Krankheitsursache sind medizinisch-, psychologisch- und pädagogisch-therapeutische Maßnahmen zur Heilung erforderlich

Die Aufgabe der SPZ

Diese komplexe diagnostische und therapeutische Aufgabe wird durch Institutionen wie Sozialpädiatrische Zentren erfüllt. Voraussetzung ist dabei eine enge Zusammenarbeit mit niedergelassenen Kinderärzten (Hausärzten), Fachärzten, Frühförderstellen und pädagogischen Einrichtungen (Kindergärten, Förderschulen).

Bei einer motorisch-körperlichen, geistigen oder psychisch-verhaltensbetonten Erkrankung eines Kindes wird in erster Linie der niedergelassene Hausarzt (in der Regel der Kinderarzt) aufgesucht. Häufig wird eine solche Entwicklungsabweichung bei einer der zehn Vorsorgeuntersuchungen (U 1 bis U 9, J 1) festgestellt, die bis zum 13. Lebensjahr angeboten und von den Kassen finanziert werden.

Wird vom Arzt eine Entwicklungsstörung diagnostiziert, so überweist er das Kind an in der Praxis tätige Therapeuten/-innen, wie z. B. Ergotherapeuten/-innen, Logopäden/-innen, Physiotherapeuten/ -innen. Vermutet der Arzt eine komplexere Störung, so wird das Kind an eine interdisziplinärer arbeitende Institution wie z. B. ein Sozialpädiatrisches Zentrum überwiesen.

Grundlagen der SPZ

Die Grundlagen und Zielvorgaben für die Arbeit im Sozialpädiatrischen Zentrum wurden im so genannten "Altöttinger Papier" als Beitrag zur Qualitätssicherung im März 2000 in Hannover auf einer Vollversammlung der Sozialpädiatrischen Zentren Deutschlands beschlossen (Altöttinger Papier 2002). Die Präambel definiert die Tätigkeit Sozialpädiatrischer Zentren:

"Die Sozialpädiatrischen Zentren sind nach § 119 SGB V eine institutionelle Sonderform interdisziplinärer ambulanter Krankenbehandlung. Sie sind zuständig für die Untersuchung und Behandlung von Kindern und Jugendlichen im Kontext mit dem sozialen Umfeld, einschließlich der Beratung und Anleitung von Bezugspersonen.Zum Behandlungsspektrum gehören insbesondere Krankheiten, die Entwicklungsstörungen, drohende und manifeste Behinderungen sowie Verhaltens- und seelische Störungen jeglicher Ursache bedingen."

Diagnostik im SPZ

Grundlage ist die "Mehrdimensionale Bereichsdiagnostik der Sozialpädiatrie" ("MBS"). Nach einer umfassenden biographischen Anamnese erfolgt eine umfassende Untersuchung (EKPSA) und Ressourcenanalyse.

Die biographische Anamnese
Sie entspricht einer umfassenden Anamnese des Patienten, aber auch der Familie und der Umgebungsbedingungen und der Erfassung des bisherigen Krankheitsverlaufes.

Die Untersuchung
Es erfolgt eine Untersuchung aller wesentlichen körperlichen, geistigen und seelischen Bereiche, die zur Definition einer Erkrankung nötig sind. Die Untersuchung hat fünf Bereiche nach dem "EKPSA-Prinzip" zu erfassen:

  • Entwicklungsstand / Intelligenz
  • Körperlicher – neurologischer Befund
  • Psychischer Befund
  • Soziale Begleitumstände, psychosozialer Hintergrund
  • Abklärung der Ätiologie

Abb.: Durchführung einer Entwicklungs-/ Intelligenztestung zur Feststellung des Entwicklungsstandes als Basis einer sozialpädiatrischen Diagnose

Abb.: Reflexprüfung im Rahmen einer neurologischen Untersuchung

Abb.: Die Erfassung des psychosozialen Hintergrundes ist zur diagnostischen Einordnung von großer Bedeutung. Auch bei "einfachen Problemen" wie z. B. schulischen Problemen oder Entwicklungsproblemen ist der psychosoziale Hintergrund von großer Bedeutung, um geeignetet herapeutische Maßnahmen ergreifen zu können

Die Ressourcenanalyse

Es wird eine Analyse der Ressourcen in Bezug auf Kind, Familie, Umwelt und Mitarbeit vorgenommen. Dies bedeutet, dass die gesamten Rahmenbedingungen, in denen der Patient lebt, abgeklärt werden. Dies ist insbesondere von Bedeutung, wenn Behandlungsrückschlüsse gezogen werden sollen. Es hat wenig Sinn, Therapien zu empfehlen, deren Umsetzung an Organisationsfaktoren scheitern muss, z. B. an einem fehlenden Auto für die Fahrt zu einer Therapie im ländlichen Bereich.

Der Behandlungsplan

Aus der erhobenen, biographischen Anamnese, den Kenntnissen der Vorgeschichte, der diagnostischen Definition der fünf Bereiche und der Ressourcenanalyse ergibt sich die Erstellung eines Behandlungsplanes. Es ist Aufgabe des Sozialpädiatrischen Zentrums, diesen Behandlungsplan nach Abstimmung und Akzeptanz durch Patient und Familie umzusetzen. Dies kann in Kooperation mit niedergelassenen Ärzten und Therapeuten, anderen Institutionen oder im Sozialpädiatrischen Zentrum selbst erfolgen.

Therapie im SPZ

Übergeordnete Ziele der Behandlungsmaßnahme in einem Sozialpädiatrischen Zentrum sind Heilung, Linderung und Vorbeugen von Krankheiten und deren Komplikationen sowie die Verbesserung der Lebensqualität und Stärkung des Selbstwertgefühles, der Selbstbestimmung und der psychosozialen Adaptation von Kind / Jugendlichem und Familie.

Zu Beginn der Therapie steht die Aufklärung über Sinn, Zweck, Umfang und Dauer. Ein wesentlicher Aspekt ist außerdem, Grenzen und Möglichkeiten der Therapie zu übermitteln. Es ist auch notwendig, Bezugspersonen zur Mitarbeit im therapeutischen Prozess zu gewinnen.Der Therapeut muss eine geeignete Begleitung der Familie als Teil der therapeutischen Tätigkeit anbieten. Verständnis für den Entwicklungsstand und das Verhalten des Kindes zu vermitteln, ist essentieller Bestandteil der Therapie.

Die Therapieintensität (Therapieumfang) ist individuell bedingt durch:

  • Stadium und Komplexität der Erkrankung
  • Sensible Phasen der Entwicklung
  • Bewältigungsprozesse
  • Belastbarkeit (Erholung, Spiel)
  • Zeitressourcen (Ganztageseinrichtung, berufliche Belastung der Eltern)

Das therapeutische Vorgehen wird durch diese Überlegungen bestimmt und kann folgendermaßen gestaltet werden:

  • Einzeltherapie
  • Gruppentherapie
  • Kombinationstherapie
  • Therapiewechsel
  • Therapie durch Bezugsperson

Die Therapiedauer ist abhängig von

  • Art der Störung
  • Schweregrad der Erkrankung
  • Therapiefortschritt
  • Therapieform
  • Therapieziel
  • Prognose
  • Motivation

Bei mangelnder Therapiemotivation oder fortgesetzter Therapieresistenz bietet sich eine Therapiepause an.



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